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Die Kulturindustrie – der allgegenwärtige Filter der Erfahrung

Im Kapitel über die Kulturindustrie der “Dialektik der Aufklärung” von Horkheimer und Adorno werden die Phänomene der sich professionalisierenden Kulturindustrie, deren Avantgarde sich zu dieser Zeit in den USA befand, dargestellt. Zugleich werden diese Phänomene eingebettet in die Theorie des Spätkapitalismus der Autoren, deren Vorarbeit auf Marx’ Kritik der Politischen Ökonomie des Liberalismus zurückgreift.[1] Es wird dabei deutlich, wie aus der Warenform des sich administrativ organisierenden Kapitalismus eine neue Form des Wahrnehmens selbst sich in einer Ware verkörpert, die durch die neuen Massenmedien die Rezipienten allumfassend erreicht. Ihre ursprüngliche Funktion ist die des Surrogats, ihre Produkte wollen das Subjekt für den Verlust des Objekts entschädigen, mit Unterhaltung und Trost im Tausch für die Gleichgültigkeit und Langweile im entfremdeten Arbeitsprozess. Sie ist Teil des Preises im Tausch für das tagtägliche Opfer. Ihre Eigenschaften sind ihr Systemcharakter und die sukzessive Umwandlung der Surrogatfunktion, d. h. ihrer Legitimation oder ihres Gebrauchswertes, in die hergestellte Wirklichkeit, in den Tauschwert, der kein anderes mehr außer sich kennt. Damit ist die Theorie über die Kulturindustrie, die sich diesen Namen im Übrigen selber gab, zugleich eine Erkenntnistheorie. Über dieses Moment soll hier reflektiert werden.

Die Marx Brothers bringen die Verhältnisse der Kulturindustrie zum tanzen, indem sie auf ihren “puren Blödsinn böse zurückgreifen”.

Kulturindustrie ist das – unter Nutzung der modernen technischen Mittel der Verbreitung wie Massendruck, Radio, TV, Kino, Internet – zur totalen Warenform geronnene Surrogat des emphatischen Moments im Verhältnis des Subjekts zum Objekt. In diesem historisch-spezifisch entfremdeten Verhältnis, in dem die Arbeit als Erwerbsarbeit das Leben der Individuen bestimmt, haben sich die ehemaligen Surrogate älterer gesellschaftlicher Formationen zur Kulturindustrie entwickelt. Diese ehemaligen Surrogate, die Hochkultur der herrschenden Klassen des Ancien Régime und die Volkskultur der beherrschten Massen, erlebten zunächst ihre Befreiung von Herrscherhäusern, Mäzenen und Bevormundung durch den ins Zentrum der modernen Gesellschaft rückenden Markt im beginnenden liberalen Kapitalismus. Kunst musste zwar mit ihren Inhalten auf den Markt schielen, konnte aber in einer bisher ungekannten Freiheit zwischen Nachfragern wählen. Ihr Inhalt war so nicht mehr entscheidend fremdbestimmt. Mit der zunehmenden Verdichtung des Kapitals ab dem 20. Jh. zu wenigen gigantischen Konzernen und der kommerziellen Professionalisierung der Kunst als Unterhaltung schwand diese einzigartige Autonomie der Kunst wieder. Sie wurde nicht auch Ware, sondern nur noch Ware, ihre Inhalte zielen immer weniger auf Autonomie und Transzendenz, sondern allein auf ihr Sein als Surrogat und auf eine allumfassende Propaganda des Bestehenden.

So in etwa kann man die Kulturindustrie in der Theorie verorten, wie sie Horkheimer und Adorno in ihrem Kapitel in der Dialektik der Aufklärung darstellen. Die Theorie ist die Kritik der politischen Ökonomie und der kapitalistischen Gesellschaft im Liberalismus von Marx, erweitert um die Theorie des Spätkapitalismus der kritischen Theorie, in der die Gesellschaft zu Monopol, totalitären Staat und Faschismus tendiere. Ihr Kunstbegriff ist dabei ein Hegelscher, sonst würde die Theorie der Kulturindustrie keinen Sinn machen. Kunst hat dabei ein klare Aufgabe, sie ist nur bei sich selbst, wenn sie nicht nur schöne Kunst, nur l’art pour l’art ist. Wie sie bei Hegel materieller Vorschein des Absoluten ist, muss sie für die kritische Theorie die Wahrheit des bestehenden gesellschaftlichen Unrechts erfahrbar werden lassen können und dabei die Möglichkeit der Negation desselben auf dem erreichten Stand der Produktivkraft reflektieren. Sie muss über sich hinaus verweisen, um sie selbst zu sein. Kunst ist damit nicht einfach Supplement, das aus dem Überfluss der Gesellschaft erwächst und ihr Unrecht drapiert, sondern Kunst ist mitten in ihr. Sie ist noch nicht Opfer der Arbeitsteilung und noch nicht gesellschaftliches Subsystem der Entspannung ohne Reflektion. Und sie ist auch noch nicht pure Darstellung oder Apologie des Bestehenden, sie hat ihre Erkenntnisfunktion noch nicht allein an die instrumentelle Vernunft der Naturwissenschaften oder der Sozialtechniken verloren. Sie ist Erinnerung und Möglichkeit zugleich, zu was die Subjekte mit der Aufhebung bornierter gesellschaftlicher Verhältnisse im Stande wären.

Da das Schlagwort “Kulturindustrie” i. A. mit dem Schlagwort “Kulturkritik” kurzgeschlossen wird, mit der insgesamt die kritische Theorie als “Kritische Theorie” oder “Frankfurter Schule” (diese Bezeichnungen sind selber ordnungsstiftende Produkte kulturindustriell geformten Denkens) identifiziert wird, verweist auf etwas anderes. Nämlich der erkenntnistheoretischen Dimension der Kulturindustrie, die vor der Theorie ihrer ursprünglichen Autoren nicht halt macht und bestätigt, was diese intendierten. Die Kulturindustrie ist als partikulares Phänomen der Warensammlung der kapitalistischen Gesellschaft, der Transformation der Hoch- und Volkskultur in die Warenförmigkeit der Unterhaltungsindustrie, dabei total zu werden in dem Sinne, dass sie als Filter der Wahrnehmung und Erkenntnis funktioniert und ihre Rezipienten auf das Bestehende einschwört. Nun wäre nichts Schlimmes daran, dass menschliche Produkte und kulturelle Objektivationen als Filter der Wahrnehmung wirken, vielmehr ist das Voraussetzung von Verstehen und Begreifen. Würde jede einzelne Generation wieder das Leben und Denken innerhalb der Welt neu erlernen müssen, würde es keine Menschheit geben, die sich durch die Kumulation von Wissen selbst konstituiert und entwickelt. Nur heiße Kulturen (Levy-Strauss), die tradieren und selbst erlerntes Wissen weitergeben können, sind genuin menschliche. Innerhalb der Theorie aber, der Entfremdung der Menschen von ihren eigenen Produkten, durch die jeweils historisch-spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse, zementieren sie diese, wirken ihrer Auflösung durch Aufklärung entgegen. Das Wissen über sich, dass mit seiner Erweiterung und Verbesserung (insbes. durch Verwissenschaftlichung) das Potential zur Aufklärung fast schon automatisch hervorbringen sollte, verkehrt sich so, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse verkehrt sind. Der ganze Idealismus des Fortschrittsglauben verkehrt sich unter der materialistischen Fuchtel, dem Stachel im Fleische der großen Theoretiker und Aufklärer, und ihren Auswirkungen in sein Gegenteil. So ist auch der kurze Verweis auf den kantischen Schematismus der Erkenntnis, des Vorverständnisses oder des Filters der die Kategorien vor die Wahrnehmung des Mannigfaltigen setzt und so ordnet, zu verstehen. So wird das idealistische Versprechen der Aufklärung tatsächlich zum Massenbetrug, der allerdings nicht von Einzelnen intendiert sein muss, sondern der Logik der Verwertung im Zustand des nachbürgerlichen Kapitalismus’ entspricht.

“Die Leistung, die der kantische Schematismus noch von den Subjekten erwartet hatte, nämlich die sinnliche Mannigfaltigkeit vorweg auf die fundamentalen Begriffe zu beziehen, wird dem Subjekt von der Industrie abgenommen. Sie betreibt den Schematismus als ersten Dienst am Kunden. In der Seele sollte ein geheimer Mechanismus wirken, der die unmittelbaren Daten bereits so präpariert, daß sie ins System der Reinen Vernunft hineinpassen. Das Geheimnis ist heute enträtselt.”[2]

Wo bei Kant noch die Kategorien der Vernunft durch bewusstes Denken auf das Mannigfaltige der Eindrücke der Wahrnehmung bezogen werden, so Horkheimers und Adornos Analogie, stellt die Kulturindustrie nicht nur die Kategorien, die die Gesellschaft auch ohne sie vorgibt (die Warenform bestimmt die Denkform), sondern das Wahrgenommene selbst. Das System der Reinen Vernunft Kants wird selbst schon als erkenntnistheoretische Reflexion der heraufkommenden verwalteten Welt interpretiert. Kant ist der Prophet der Aufklärung, die sich in ihren eigenen Mythos verstrickt und als solchen ad absurdum führt. Die Kulturindustrie stellt dabei Waren zur Verfügung, die in die ohnehin schon geltenden, gesellschaftlich bestimmten, Kategorien der Wahrnehmung perfekt hineinpassen. Diese Erfahrungen müssen nicht erst durch Kategorien gedanklich vermittelt werden, um zu bestimmen, was sie sind. Man weiß das bereits automatisch, und durch die Wiederholung des immer Gleichen, in seinen verschiedenen Darstellungsformen, wird es immer wieder als das bestätigt, was es ist. So gibt es kein Außen mehr in diesem sich selbst bespiegelnden und sich immer wieder selbst bestätigten System der Wahrnehmung, das auf absolute Geschlossenheit zielt, um jeden Gedanken der Veränderung zu ersticken. “Nur die Gedanken sind wahr, die sich selbst nicht verstehen”, heißt es deshalb bei Adorno auch. Wobei Wahrheit nicht die korrekte Abbildung des Wirklichen meint, sondern bezogen ist auf die Herstellung gesellschaftlicher Vernunft. Diese vorbestimmte Methode bleibt deswegen auch nicht auf die Unterhaltungsbranche beschränkt, sondern strahlt auf alle gesellschaftlichen Bereiche und Subsysteme aus. Das wird einem besonders gewahr, wenn man in Zeitung xy liest: “Kanadische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass im Winter geborene Babys auf dem Arbeitsmarkt später schlechtere Chancen haben…” etc.

Die Konformität der Erfahrung produziert Individuen, die nach Karl Kraus nun endlich Individualität besitzen – aber alle die gleiche. In dieser Erfahrung gibt es nur die Hermetik des Bestehenden, die zugleich nicht nur vorgibt, alles zu sein, was ist. Sondern diese Hermetik herstellt, indem sie die subjektive Zutat bei der Erkenntnis des Objektiven, dieser gleichmacht. Und man kennt die Leute, die alles schon gesehen haben und über alles Bescheid wissen und alles abwehren, was anders oder abweichend sein könnte. Denen kann man nichts mehr vormachen, auch wenn das Abwehren einen letzten Rest von Unsicherheit verrät. Und die, die trotzdem auf eine Möglichkeit der Transzendenz des Bestehenden beharren, werden nicht mehr systematisch durch das existierende Unglück produziert, das angesichts der schon bestehenden Möglichkeiten nach seiner Abschaffung schreit, sondern sind nur noch zufällige Produkte irgendwelcher Idiosynkrasien der Kindheit. Das ist das gesellschaftlich relevante Ergebnis des Erkenntnisfilters der Kulturindustrie. Der Stillstand der Dialektik der Vorgeschichte wird durch sie befestigt, indem sie jeden Gedanken an Widerstand vertreibt und die Individuen so auf das Bestehende einschwört, dass es kein Außerhalb zu geben scheint.

[1] Inhalt und Form, Phänomene und Theorie, sind dabei stark verschränkt. Das machen die Autoren mit vollem Recht, denn Inhalt ohne Form ist blind, Form ohne Inhalt ist leer. Wir müssen aber hier aus Darstellungs- und Verständnisgründen einen anderen Weg gehen, sonst könnte man dem Text keine neue Erkenntnis abgewinnen.

[2] Horkheimer, Adorno: DdA 2003, S. 132.

 

Bildquelle:

  • https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/0/0a/Monkey_Business_%281931%29_film_poster.jpg

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