Sein tiefgründig forschender Blick drang in das Prinzip des gesellschaftlichen Lebens ein und erfaßte die Welt um so besser, da er sie durch ein Grab hindurch sah. Er analysierte die Menschen und Dinge, um ein für allemal abzuschließen mit einer Vergangenheit, die von der Geschichte dargestellt, einer Gegenwart, die vom Gesetze gestaltet, einer Zukunft, die von der Religionen enthüllt wird. Er nahm die Seele und die Materie, warf sie in einen Schmelztiegel, fand nichts darin, und von dem Augenblick an wurde er DON JUAN. (Balzac: Das Lebenselixier, S. 166)

Meister über die Illusionen des Lebens, stürzte er sich jung und schön in das Leben, die Welt verachtete er, aber er bemächtigte sich ihrer. Sein Glück konnte nicht jene bürgerliche Glückseligkeit sein, die sich mit einer regelmäßigen Suppe zufriedengibt, einer molligen Wärmflasche im Winter, einer Lampe für die Nacht und mit allvierteljährig neuen Pantoffeln. Nein, er packte das Leben wie der Affe eine Nuss, und ohne langes Federlesen entfernte er geschickt die gewöhnlichen Hüllen der Frucht, um ihren köstlichen Kern zu genießen. Die Poesie und die erhabenen Aufwallungen der menschlichen Leidenschaft reichten ihm nicht weiter als bis zum Spann. (Balzac: Das Lebenselexier, 166)

„Es ist sicher so, die soziale Natur rüstet alle Arten von Lebewesen mit den Eigenschaften aus, die ihnen für die Dienste, die sie von ihnen erwartet, notwendig sind. Die menschliche Gesellschaft ist wirklich eine zweite Natur!“ (Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen, S. 149)

Die Ökobewegung ist zurück aus der Mottenkiste, und diesmal haben sie keine Hippies, rechte oder linke Landkommunen herausgekramt, sondern Kinder und Jugendliche der upper middle class aus den Wohlstandsländern dieser Welt, die ihre Angst vor der Zukunft pausbäckig herausposaunen, während der Großteil der Menschheit nicht einmal eine Gegenwart hat. „Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens…“ sagte Greta Thunberg, die heilige Jungfrau Maria der Klimaapokalyptiker, unter Tränen auf dem Klimagipfel in New York und fügte größenwahnsinnig an die Staatenlenker dieser Welt gerichtet an: „Wir werden euch das nicht durchgehen lassen. Die Welt wacht auf, und es wird Veränderungen geben, ob ihr es wollt oder nicht.“ (dpa) Für den zähen Durchhaltewillen, es auf dieser Welt auszuhalten (Extinction Rebellion), muss schon das Horrorszenario des Aussterbens der Menschheit als abschreckender Gegenentwurf zum Status quo bemüht werden, um zu insistieren, dass es Veränderungen geben wird, damit alles so bleibt, wie es ist. Dass es nicht so bleiben wird, wie es ist, ist durch den Aufstieg ehemaliger Kolonialländer, wie China oder Indien, aus denen Konkurrenten geworden sind, bereits beschlossen. Die moralische Anklage der besorgten Generation an die Führer der Welt bedeutet zweierlei: Einerseits sagt sie ihnen: „Macht Platz, eure Zeit ist abgelaufen, wir wollen an die Fleischtöpfe, unsere Legitimation ist die Rettung der Welt.“ Andererseits sagt sie: „Kennt euren Platz!“, sie will allen Aufsteigern der ehemaligen Dritten Welt mit der Klimaargumentation ihren Platz zuweisen. Hinter allem steckt die berechtigte Angst vor dem eigenen Abstieg, der mit der Selbstwahrnehmung nicht korrelieren will.

Am 21.12.2018 ist Wolfgang Pohrt gestorben. Ein Autor, der in den letzten Jahren fast vergessen war, was die wenigen oder lieblosen Nachrufe in den überregionalen Zeitungen leider hinreichend bewiesen. Es ist, als sei mit seinem Tode auch der letzte Gedanke aus der Öffentlichkeit verschwunden, dass es anders sein könnte. Denn selbst der Gedanke, der nur konstatieren kann, dass keine Revolution stattfinden wird, dass die Verhältnisse bleiben, wie sie sind – vorgeschichtlich -, dass der Bann der Gesellschaft nicht gebrochen werden kann, entsprang bei Pohrt immer der verblassten Hoffnung an ein Leben, das gelebt werden könnte und sich an Adornos Diktum, “sich von der eigenen Ohnmacht, nicht [auch noch] dumm machen zu lassen” klammert. Statt Revolutionär musste er ein homme de lettre werden, wie Marx und Co. vor ihm.