Es ist sicher so, die soziale Natur rüstet alle Arten von Lebewesen mit den Eigenschaften aus, die ihnen für die Dienste, die sie von ihnen erwartet, notwendig sind. Die menschliche Gesellschaft ist wirklich eine zweite Natur! (Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen, S. 149)

Früher war “das menschliche Leben […] einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz” (Hobbes 2005, S. 96), also eine Sache, die man sich aus Sicht der Moderne ebenso gut auch hätte sparen können. Mit ständigem Krieg um die Früchte ihrer Arbeit und gegenseitigem Misstrauen in Friedenszeiten hätten sich die Menschen, nach Hobbes - und mit ihm die bürgerliche Ideologie, als sich noch eine kannte -, das Leben gegenseitig zur Hölle gemacht; Unternehmertum, friedlicher Tausch und die Staatsmacht hätten diesen Missstand beseitigt und zu einem Zustand der Prosperität geführt. So die kurze Geschichte des europäischen Welterfolgs, der mit der EU, so ihr Selbstverständnis, erfolgreich weitergeführt wird. Für die sich konstituierenden Monarchien im Ausscheidungskampf der Adelsgeschlechter im Europa des ausgehenden 17. Jh. mag das damals gegolten haben, für den Rest der Welt bedeutete diese innere Befriedung sich auf blutige Eroberungskriege und Ausbeutung gefasst zu machen. Die fortgeschrittene zweite Natur machte sich daran, die Welt zu erobern, das hieß vor allem fremde Mächte zu unterwerfen und zu kolonisieren, um Bodenschätze, Gold und Silber zu rauben, unbekannte Lebensmittel und kostbare Gewürze in Europa einzuführen, Absatzmärkte zu öffnen und mit der von Sklaven betriebenen Plantagenwirtschaft den Beginn des Kapitalismus in die Produktion einzuleiten, kurzum den Weltmarkt zu schaffen. Die Zivilisation kam mit der Barbarei. Ein Glücksfall für den zivilisierten Europäer als Herren der Welt. Die Anhäufung von Gold und die Erweiterung des Horizonts und Vervielfältigung der Genüsse waren der Katalysator des bürgerlichen Individuums; die List der Kooperation, moderne Waffen und Gewalt die Ingredienzen desselben. Aber schon 200 Jahre später, der Höhepunkt der europäischen Zivilisation ist mit dem Industriezeitalter noch gar nicht erreicht, lässt Balzac einen Protagonisten in Glanz und Elend der Kurtisanen denken: „Je gemeiner sein Leben ist, desto mehr hängt der Mensch daran; zu leben bedeutet für ihn dann einen unaufhörlichen Protest, eine unablässige Rache.“ (GuE, S. 279) Wiederum 100 Jahre später rauchen in Auschwitz die Schlote der Fabriken, die die Menschen verheizten, die des Lebens nicht wert sein sollten. „Arbeit macht frei“ war die zynische Parole, mit der die KZs das minderwertige Leben empfingen. Rudolf Höß, Lagerkommandant von Auschwitz, schrieb in seiner Autobiographie dementsprechend „Ich sah nur noch meine Arbeit.“

Die Akkumulation von Arbeit war das Versprechen, die Menschen aus dem Naturverhältnis zu befreien, Reichtum und freie Arbeit als Mittel zur Entfaltung der Individuen, wenn die Sachen die notwendige Arbeit erledigen (Marx), die Idee. Die vielen Opfer des akkumulierenden Produktionsprozesses konnten vor dem Hintergrund dieser Idee zwar nicht entschuldigt, aber immerhin mit dem Fortschritt durch die Produktion legitimiert werden. Mit dem Auslaufen des Kapitalverhältnisses im Spätkapitalismus, der Verewigung der Menschen als „blinde Naturkraft [Arbeitnehmer oder Arbeitsloser] und kreatürliche Bedürftigkeit [Konsument]“ (Pohrt 1976, S.77) verliert die widersprüchliche Entwicklung zum Individuum diese Widersprüchlichkeit. Die Menschen werden zu ausgehaltenen Schmarotzer, welche, wenn die politischen Verhältnisse sich wieder einmal ändern, ebenso vernichtet werden können – „Der Faschismus zog aus dieser ökonomischen Entwicklung (des Überflüssigwerden großer Teile der Menschheit im Produktionsprozess) nur die politische Konsequenz.“ (Pohrt 1976, S. 176) Bis dahin gilt: "Wer sich tot stellt, bleibt länger leben. Wer seinen Kopf nicht gebraucht, der darf ihn behalten. Wer kein menschenwürdiges Leben führt, kriegt danach Pension." (1981, S. 120) wie Pohrt das Leben im Spätkapitalismus als Daumenregel für den erfolgreichen Alltag zusammenfasste, um darauf zu insistieren, dass das Elend der kapitalistischen Gesellschaft sich vor allem durch die verschiedenen Gesichter und Grade des Elends auf der Welt unterscheidet und auch die Gewinner mit den vollen Bäuchen die Verlierer sind und nicht nur die Milliarden, die wie in einem poverty belt die erste Welt umlagern und nur als Flüchtlingsproblem in das Bewusstsein der „happy fews“ dringt.

Der Blick aus dem Grab, wie es Balzac formulierte, ist deswegen heute der vielversprechendste Standpunkt, um Erfolg zu haben, weil er dem internalisierten Blick der konzentrierten Macht der verwalteten Welt auf „Gottes Ebenbild“ entspricht, nämlich als „Bedürfnisbündel“, dem alle Lebenstriebe aberzogen und Ansprüche an ein reiches, freies und selbstbestimmtes Leben ausgetrieben wurden, der als "ausgehaltenen Schmarotzer" geduldet ist und sein Gnadenbrot im "komfortablen Seniorenparadies" erhält. Pohrt folgt damit Balzac, dem „Geheimagenten der Unzufriedenheit“, dem er nicht nur ein ganzes Buch widmete, sondern dessen Diagnose der bürgerlichen Welt er für die nachbürgerliche aufnahm und aktualisierte. "Seit alle Hoffnungen der Schulkinder schon auf den von der Rente gesicherten Lebensabend zielen“, schrieb Pohrt, “seitdem hat sich der Geist der Utopie ins Hausgespenst des Altersheims verwandelt. [...] Die Sicherheit und Ruhe, nach der sich die modernen Menschen sehnen, ist die letzte Vorstufe zur Grabesruhe." (1981, S. 14)

Das Individuum in der Theorie

Theorie selbst ist kein Hirngespinst, sie bedient sich vielmehr vorhandener allgemeiner Vorstellungen der Menschen über ihre gesellschaftliche Natur, ihrer Ideologie, die von den vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnissen notwendigerweise selbst produziert wird und aus der sich die wahren Verhältnisse entziffern lassen. Theorie kritisiert die Vorstellungen, wie die realen Verhältnisse anhand des Kriteriums der solidarischen Menschheit, in der der Menschen kein erniedrigtes, kein geknechtetes, kein verlassenes und kein verächtliches Wesen (Marx) mehr sein soll. „[Ü]ber die gemeinsamen Angelegenheiten aller soll nicht mehr die blinde Gewalt entscheiden, sondern die Vernunft, die sich nicht per Dekret, sondern kraft Einsicht Geltung verschafft.“ (Pohrt 1981, S. 115)

Das Individuum ist ein Geschöpf der Gesellschaft, je mehr von dieser, desto mehr von jenem. Gesellschaft hat spezifisch-historische Formen, wird nie bewusst oder nur partikular gestaltet, ermöglicht aber die Voraussetzungen für ein gesellschaftliches Bewusstsein, für Vernunft und Gestaltungswillen nach menschlichen Bedürfnissen. Der Mensch ist kein Individuum, solange er vollständig im Naturverhältnis befangen ist, im Verband von Sippen und Stämmen, die tagtäglich ihre eigene Existenz durch Sammeln, Jagen oder Ackerbau reproduzieren. Durch allmähliche Verbesserung der Produktionsmittel und -methoden kommt ein Gemeinwesen irgendwann zu einem Punkt, wo es Überschuss produzieren kann, also mehr produziert als es konsumiert. Der Tausch des Überschusses mit fremden Gemeinwesen, die ebenfalls Überschuss oder Luxus, vom Standpunkt der notwendigen Gebrauchsgüter, produzieren, aber andere Produkte herstellen, ermöglicht einen gewissen Freiraum, weil sich nicht mehr alles um die eigene Reproduktion dreht. Arbeitsteilung, Religion, Krieg, Raub und Tausch entstehen. An diesem Punkt hat sich das gesellschaftliche Moment schon vom Naturverhältnis abgespalten, welches dort, wo es Menschen im Plural gibt, latent vorhanden war. Die Dialektik von Natur und Gesellschaft entsteht dort, wo mehr produziert wird, als es zum Leben braucht oder nicht mehr die ganze Wachzeit für die Reproduktion der eigenen Gruppe aufgebracht werden muss.

Weil die Menschen, einmal auf den Geschmack von Reichtum und freier Zeit gekommen, lieber weniger als mehr selber arbeiten wollen, zwingen sie andere dazu. Die Dialektik von Natur und Gesellschaft wird um die von Herr und Knecht erweitert. Geschichte war daher nach Marx vor allem ein Kampf dieser Klassen miteinander. Im Kapitalverhältnis bekommt dieses Verhältnis einen neuen Dreh. Das unterdrückte arbeitende Individuum ist nicht mehr selbst Mittel, wie andere Produktionsbedingungen, wie Werkzeuge, Tiere etc., zum Zweck der Ausbeutung zur Bereicherung seines Herrn, sondern wurde Person, indem es durch die Trennung von seinen Produktionsbedingungen einerseits als reines Arbeitsvermögen vom Kapital gesetzt, andererseits als sein eigener Herr, als Konsument, auftritt. Die Dialektik wurde wieder um eine Zeigerdrehung erweitert. Die Entfremdung des Individuums von seinen Produktionsbedingungen und die Aufspaltung seiner Identität war zugleich ein großer Fortschritt durch die Emanzipation von einem bloßen Mittel der Ausbeutung, es wurde verschieden von seiner Arbeit, es war auch noch etwas anderes, nämlich Subjekt. Als solches verhält es sich zu seiner Arbeit, sie wird zur Sache. Es tauscht ihren Gebrauchswert mit dem Kapital, welches ihm Tauschwert dafür gibt. Andererseits wird seine Arbeit rein der Bestimmung des Kapitals unterworfen, nur als nackte, arme und abstrakte Bestimmung ist es für das Kapital von Wert. Das Individuum wird zum formell freien Subjekt, aber gefangen in der alten Bestimmung der Reproduktion, indem es den Lohn zu erhält, welches es zum unmittelbaren Leben braucht, obwohl das Kapital längst in Größenordnung produziert, die jedem Individuum Reichtum und Muße ermöglichen. Den wahren Gebrauchswert der lebendigen Arbeit verwertet das Kapital im tendenziell endlosen Verwertungsprozess. Die mögliche Befreiung vom Naturzustand der Reproduktion ist durch das Kapitals einerseits treibhausmäßig gesteigert worden, andererseits durch das Kapitalverhältnis sistiert, die Möglichkeit der Revolution allerdings durch die Aneignung der Produktionsmittel durch die Arbeiter gegeben. Nachdem Ausbleiben der Revolution, der Auflösung des Kapitalverhältnisses im Spätkapitalismus ist das Individuum nicht mehr zwingend notwendig für das Kapital, einerseits weil der Produktionsapparat so angeschwollen ist, dass die Arbeitskraft aller Menschen nicht mehr gebraucht wird, andererseits die Verwertung schon längst nicht mehr am Wertgesetz hängt. Im Spätkapitalismus entscheidet nicht mehr der Wert, sondern die Monopole, was produziert und was Gewinn abwirft.

Indem die Menschen abwechselnd blinde Naturkraft (Arbeitnehmer) und kreatürliche Bedürftigkeit (Konsument) sind, sind beide gegen geschichtliche Entwicklung hermetisch abgedichtet und fallen, ununterscheidbar geworden, in geschichtslose Natur zurück, wo sie, nur mehr regeltechnisch begreifbar, teils mit verblüffender Dynamik fortwesen. So wie sich die Verwandlung ganzer Wälder in Bild-Zeitungen, kompletter Eisenerzvorkommen in Autos an Sinnlosigkeit kaum von einem Erdbeben unterscheidet, so unterscheidet sich auch das Alltagsleben restlos Objekt gewordener Menschen kaum vom durchorganisierten der Insekten, mit welchem die Sterbeziffer und Todesursachen zu teilen jene sich bereits anschicken. (Pohrt 1976, 77 f.)

Im ersten Teil wird der Anfang der Entwicklung des Don Juan nachverfolgt, einer Übergangsfigur, die bei Balzac vom Liebenden zum Unternehmer der Liebe wird, der seine Liebesfähigkeit mit der „Produktion“ von Geliebten nach und nach verliert, als Entrepreneur startet und zum Bedürfnisbündel mutiert, und damit als Prototyp der neuen Zeit den Spätkapitalismus einläutet. Als solcher wird er im zweiten Teil vom Auslaufmodell, ein neuer Typus Individuum wird von der Gesellschaft produziert: der Untertan, eine Mischung aus Kleinbürger, Pauper und Angestellten. Im Faschismus wird er zum Bürokraten der Vernichtung, der vernichtet, was nicht mehr zur „Produktion“ taugt, der die zweite Natur wieder zu Natur macht, dessen Blick aus dem Grab sich zum Laserstrahl der Vernichtung auswächst. Im dritten Teil wird die Abwicklung des Überlebens beschrieben, Don Juan ist zum Walking Dead geworden, der nach dem eingangs erwähnten Balzacschzen Motiv lebt: „Je gemeiner sein Leben ist, desto mehr hängt der Mensch daran; zu leben bedeutet für ihn dann einen unaufhörlichen Protest, eine unablässige Rache.“ (GuE, S. 279) 

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