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Mit dem heroischen Kampf der Ukrainer für ihr Land, das kein russischer Vasall, sondern Teil der freiheitlich-demokratischen Welt sein möchte, ist dem Westen ein riesiger Propagandaerfolg gratis ins Haus geschneit, und was raten deutsche Intellektuelle den Kämpfern für die regelbasierte Welt, der freiheitlich-demokratische Grundordnung, den Völker- und Menschenrechten, der unabhängigen Justiz, der prosperierenden Wirtschaft, der Werteallianz und wie das alles heißt: Gebt auf, zu gefährlich! Wir machen einen Kompromiss mit Putin, wo ihr das alles vergessen könnt. Hauptsache, er hört auf, uns mit der Atombombe zu drohen. So ernst meinen wir das nun doch nicht mit Freiheit und Demokratie. April, April!

Ob die Kühnert-Doku des NDR zu dem Zweck gedreht wurde, auch dem letzten Jugendlichen das politische Engagement in einer Partei auszureden? Wahrscheinlich nicht, aber die Wirkung ist verheerend. Kühnert, Augenränder und Dreitagebart, stapft in der über drei Jahre angelegten Doku in sechs Folgen kaffeeschlürfend, kettenrauchend und wie ferngesteuert durch die menschenfeindliche Bürolandschaften der SPD-Zentrale von einer nervtötenden Sitzung voller graugesichtiger Gestalten zur nächsten. Mit seinen 30 Jahren ist er bereits ein abgehärteter Einzelkämpfer, der sich inmitten einer lebens- und denkfeindlichen Umwelt seinen Weg an die Spitze einer altersschwachen und müden Organisation bahnen möchte, die seit über 150 Jahren, stets sich an die herrschenden Verhältnisse anpassend, existiert. Rauchend und eckenstehend muss er den debilen Smalltalk seiner Genossen ertragen, ebenso wie die Schlurfigkeit seiner Büro-Zuarbeiter, die Schwierigkeiten haben, mit ihrem um Professionalität bemühten Kommunikationssprech ganze Sätze zu formulieren. Dazu kommt die qualvolle Ochsentour quer durch die Republik von einer Wahlveranstaltung zur nächsten Podiumsrede, auf denen er die Genossen mit den ewig gleichbleibenden Plattitüden und Slogans versorgen muss, die diese brav beklatschen. Dazwischen: nervenaufreibende Interviews und Meinungsschlachten bei Illner, Will und Co.

Die jüngste Auseinandersetzung im Mai 2021 zwischen Israel und den palästinensischen Arabern hat es mal wieder bewiesen: Wenn man einen Krieg braucht, bekommt man ihn auch. Nach 15 Jahren ohne Wahlen in Gaza und der Westbank, wird man, nach diesem Kurzkrieg, auch die nächsten 15 Jahre ohne sie auskommen. Denn schon jetzt denkt niemand mehr an die zuvor angekündigten Wahlen, dem außenpolitischen Legitimationsprojekt der herrschenden Rackets, welches sie sich vom Westen abgeguckt haben. Viel mehr Eindruck auf ihre „Wähler“ macht die Hamas gegenüber der PLO/Fatah ohnehin als kraftvoller Verteidiger des Islams und der Ansprüche auf einen palästinensischen Staat; die paar Hundert Toten des Kurzkonflikts sind schnell beerdigt und vergessen, lassen aber noch eine Zweitverwertung als Propagandafutter von Al-Jazeera zu, dem Sprachrohr der Unterdrückten von der auf Hochglanz polierten steinreichen Sklavenhalbinsel Katar. Die zerstörte Infrastruktur in Gaza für den Guerillakrieg gegen Israel ist schnell geflickt, die Unterstützung aus Europa, der arabischen Halbinsel und vor allem der UN macht es möglich. Zuvor aber hatte der altersschwache Abbas noch in paar Teenager in den Tod geschickt, um seine Macht in der Westbank nicht durch eine Wahl zu gefährden. Die Hamas hatte daraufhin sofort angefangen, Israel mit Raketen zu beschießen, um zu beweisen, dass sie die einzig rechtmäßigen Verteidiger der palästinensischen Sache sind, und wenn Abbas sterben sollte, wäre die PLO/Fatah endgültig erledigt. Ohne die Legitimation, die Widerstandsbewegung gegen Israel darzustellen, kann man die Berechtigung für das Abschöpfen der UN-Gelder vergessen. Keine credibility, kein Geld; ohne Geld kein bewaffnetes Racket, um die Westbank zu beherrschen. Die Hamas hat jetzt das Sagen; allein die Umstände, dass ihre Führung nicht in die Westbank kommt, und dass Abbas zäh durchhält, verhindern eine blutige Machtübernahme wie damals in Gaza, als Fatah-Kämpfer aus den Hochhäusern auf die Straße geworfen wurden.

Sein tiefgründig forschender Blick drang in das Prinzip des gesellschaftlichen Lebens ein und erfaßte die Welt um so besser, da er sie durch ein Grab hindurch sah. Er analysierte die Menschen und Dinge, um ein für allemal abzuschließen mit einer Vergangenheit, die von der Geschichte dargestellt, einer Gegenwart, die vom Gesetze gestaltet, einer Zukunft, die von der Religionen enthüllt wird. Er nahm die Seele und die Materie, warf sie in einen Schmelztiegel, fand nichts darin, und von dem Augenblick an wurde er DON JUAN. (Balzac: Das Lebenselixier, S. 166)

Meister über die Illusionen des Lebens, stürzte er sich jung und schön in das Leben, die Welt verachtete er, aber er bemächtigte sich ihrer. Sein Glück konnte nicht jene bürgerliche Glückseligkeit sein, die sich mit einer regelmäßigen Suppe zufriedengibt, einer molligen Wärmflasche im Winter, einer Lampe für die Nacht und mit allvierteljährig neuen Pantoffeln. Nein, er packte das Leben wie der Affe eine Nuss, und ohne langes Federlesen entfernte er geschickt die gewöhnlichen Hüllen der Frucht, um ihren köstlichen Kern zu genießen. Die Poesie und die erhabenen Aufwallungen der menschlichen Leidenschaft reichten ihm nicht weiter als bis zum Spann. (Balzac: Das Lebenselexier, 166)

Es ist sicher so, die soziale Natur rüstet alle Arten von Lebewesen mit den Eigenschaften aus, die ihnen für die Dienste, die sie von ihnen erwartet, notwendig sind. Die menschliche Gesellschaft ist wirklich eine zweite Natur! (Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen, S. 149)

Die Ökobewegung ist zurück aus der Mottenkiste, und diesmal haben sie keine Hippies, rechte oder linke Landkommunen herausgekramt, sondern Kinder und Jugendliche der upper middle class aus den Wohlstandsländern dieser Welt, die ihre Angst vor der Zukunft pausbäckig herausposaunen, während der Großteil der Menschheit nicht einmal eine Gegenwart hat. „Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens…“ sagte Greta Thunberg, die heilige Jungfrau Maria der Klimaapokalyptiker, unter Tränen auf dem Klimagipfel in New York und fügte größenwahnsinnig an die Staatenlenker dieser Welt gerichtet an: „Wir werden euch das nicht durchgehen lassen. Die Welt wacht auf, und es wird Veränderungen geben, ob ihr es wollt oder nicht.“ (dpa) Für den zähen Durchhaltewillen, es auf dieser Welt auszuhalten (Extinction Rebellion), muss schon das Horrorszenario des Aussterbens der Menschheit als abschreckender Gegenentwurf zum Status quo bemüht werden, um zu insistieren, dass es Veränderungen geben wird, damit alles so bleibt, wie es ist. Dass es nicht so bleiben wird, wie es ist, ist durch den Aufstieg ehemaliger Kolonialländer, wie China oder Indien, aus denen Konkurrenten geworden sind, bereits beschlossen. Die moralische Anklage der besorgten Generation an die Führer der Welt bedeutet zweierlei: Einerseits sagt sie ihnen: „Macht Platz, eure Zeit ist abgelaufen, wir wollen an die Fleischtöpfe, unsere Legitimation ist die Rettung der Welt.“ Andererseits sagt sie: „Kennt euren Platz!“, sie will allen Aufsteigern der ehemaligen Dritten Welt mit der Klimaargumentation ihren Platz zuweisen. Hinter allem steckt die berechtigte Angst vor dem eigenen Abstieg, der mit der Selbstwahrnehmung nicht korrelieren will.

Am 21.12.2018 ist Wolfgang Pohrt gestorben. Ein Autor, der in den letzten Jahren fast vergessen war, was die wenigen oder lieblosen Nachrufe in den überregionalen Zeitungen leider hinreichend bewiesen. Es ist, als sei mit seinem Tode auch der letzte Gedanke aus der Öffentlichkeit verschwunden, dass es anders sein könnte. Denn selbst der Gedanke, der nur konstatieren kann, dass keine Revolution stattfinden wird, dass die Verhältnisse bleiben, wie sie sind – vorgeschichtlich -, dass der Bann der Gesellschaft nicht gebrochen werden kann, entsprang bei Pohrt immer der verblassten Hoffnung an ein Leben, das gelebt werden könnte und sich an Adornos Diktum, “sich von der eigenen Ohnmacht, nicht [auch noch] dumm machen zu lassen” klammert. Statt Revolutionär musste er ein homme de lettre werden, wie Marx und Co. vor ihm.

Seit dem die deutsche Politik das Grundrecht ausländischer Bürger, einen Asylantrag in Deutschland zu stellen, in einen humanistischen Gnadenakt ex cathedra verwandelte, ist das Wort “Integration” in aller Munde. Es ist so, als müsse mit einem Zauberwort der Fluch ausgetrieben werden, den der moralische Werbefeldzug der “Wiedergutwerdung der Deutschen” an Kollateralschaden der Volksgemeinschaft der reinen Herzen angerichtet hat. Das Verständnis über den ominösen Vorgang der Integration reduziert sich deshalb bestenfalls auf den Charakter von Beschwörungsformeln des Miteinanders. Schlimmstenfalls und überwiegend ist es Teil eines Weltbildes, welches die tief verwurzelte Ablehnung von den eigenen gesellschaftlichen Voraussetzungen des Zusammenlebens hier widerspiegelt. Die wenigen Definitionsversuche von gesellschaftlicher Integration durch Behörden, staatlich alimentierter Träger und der Öffentlichkeit sind deshalb Ausdruck sich bis zu Unkenntlichkeit verbiegender Ressentiments. Man möchte Asylsuchende sich nicht integrieren lassen, sondern will sie integrieren. Und zwar nicht in die Gesellschaft – das geht nur im Passiv – sondern in Gemeinschaft, das geht – zumal in Deutschland – nur mit Zwang und Unterwerfung. Diese illusionäre Vorstellung von Integration will die imagined community der deutschen Gemeinschaft um andere als identitär fest verstandene Gruppen bereichern. Das versteht man unter „Bunt statt Braun“. Der zum Scheitern verurteilte Versuch, Asylsuchende in eine Gefolgschaft zu verwandeln, nicht Individuen in gleichberechtigte Bürger, ist aber ein Solipsismus, indem jene lediglich instrumentalisiert werden. Und der funktioniert so: Das Ressentiment soll sich am Unterschied abarbeiten, Mob und Elite haben dadurch den Feind, den sie brauchen, um ihren Bund zu erneuern. Es wundert deshalb nicht, dass die aktuellen Asyldebatten denen der 90er Jahre fast im Wortlaut gleichen. Der Feind ist, nachdem die Oberfläche abgekratzt ist, der Fremde; Projektionsfläche aller Wünsche, und damit Hassobjekt, weil Symbol der eigenen Versagung und Ohnmacht. Mit dem äußeren Feind im Inneren ist wiederum der Kitt für die Gemeinschaft gefunden, das süchtig machende Surrogat, nachdem sich die verfolgende Unschuld sehnt. Integration – so die These – scheitert zuvörderst an den Deutschen, nicht an den Asylsuchenden, die bereits einige Opfer für ein besseres Leben gebracht haben und zur Integration nicht nur bereit sind, sondern genau deswegen hier und deswegen aus den sich desintegrierten Gegenden der Peripherie der kapitalistischen Weltgesellschaft geflohen sind und nicht verstehen können, in welches Irrenhaus es sie verschlagen hat.

"Ohne eine geistige Erneuerung könnte für die “letzten Menschen des Kapitalismus”, so Max Weber, wahr werden, dass sie zu “Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz [werden]: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.”[1] Warum man in Webers Schriften ein prophetisches Werturteil im Konjunktiv findet, wo er diese doch vehement ablehnte, darüber kann man nur spekulieren. Macht man das, so ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass er eine solche geistige Erneuerung sehr befürwortet hätte, war seine Prophetie doch bereits Wirklichkeit geworden. Aber eine solche Erneuerung war auch im Ansatz nicht auszumachen, vielmehr war die Barbarisierung des Geistes als Surrogat derselben zu konstatieren, die sich im heilserwartenden Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und Bellizismus bahnbrach.[2] Denn eine Erneuerung des Geistes zu erwarten, musste enttäuscht werden, ohne dass der Geist sich auch verwirklichte, dass er die Massen ergreife und das herrschende Produktionsverhältnis umwerfe, aus dessen jeweiliger Ideologie er nämlich selber stammte und das somit zugleich seine Grenzen markierte. Als deutscher Soziologieprofessor war Weber aber doppelt gegen den Materialismus geimpft, deshalb waren ihm solche revolutionäre Attitüden natürlich fremd. Ebenso der deutschen Arbeiterklasse, die sich lieber im Schützengraben zur Volkgemeinschaft zusammenschweißen ließ. Das so etwas passieren könnte, konnte der Geist (der Revolution) natürlich nicht vorhersehen, er war somit untauglich und wurde zurecht gleich zusammen mit den Leichenbergen begraben. Wie im liberalen Kapitalismus die Aufhebung der modernen Barbarei des Klassenverhältnisses, angetrieben durch seinen einzig vorstellbaren historischen Sinn für die geknechteten Menschen – der Entwicklung der Produktivkraft -, möglich schien, ist diese Möglichkeit im Spätkapitalismus der Konsumtion von Reklame und der sinnlosen Schrottproduktion der autoritären Monopole und Staaten, die die Welt verwüsten und die Menschen bevormunden und überflüssig machen, komplett aus dem Sinn geraten. Jener Geist der Negation, der als Gespenst einst Europa unsicher machte, hat sich in Luft aufgelöst und kann nur noch erinnert werden. Grund genug für ein Epitaph.

Wie sehr der Begriff der Freiheit auf den Hund gekommen ist, merkt man nicht erst, wenn man eine Zeitung aufschlägt. Es reicht die Meinung des Nachbars, das unvermeidliche Einprasseln der allgegenwärtige Reklame auf den Wahrnehmungsapparat, die Phrasen der Politiker. Aber man staunt nicht schlecht, wenn ein bestallter Philosoph in einer großen überregionalen Zeitung über den Begriff der Freiheit auf dem Niveau eines Schüleraufsatzes schwadroniert („Freiheit von / Freiheit zu“) und sein Wesen auf den Modus des ritualisierten Wählens in der Wahlkabine reduziert. Dabei wird man unfreiwillig Zeuge, wie weit die Unfreiheit die Verdummung bis in die Leuchttürme der Geisteswissenschaft getrieben hat. Da Verdummung gesellschaftlich produziert, nicht angeboren ist, ist sie zugleich ein Indikator, inwieweit die Vergesellschaftung total geworden ist. Die ideologische Bestimmung der Freiheit als Modus ist dabei noch nicht der Skandal an sich, daran hat man sich gewöhnt, sondern es ist der Versuch ihrer praktischen Durchsetzung, wie es der Autor empfiehlt. Und zwar in der Form eines Weltstaates, der durch die weltweite Etablierung dieses Modus‘ allgemeine Freiheit für alle Menschen garantieren solle. So fügt sich in der Heilserwartungen der ideologischen Vorstellung von Freiheit gewaltsam zusammen, was sich widerspricht: ein Monstrum von Staat mit unendlicher Machtfülle soll durch dieselbe allen Menschen die Freiheit erzwingen, die man bisher nur im Westen kannte. Als hätte es die Verbrechen von Staaten, im zuvor ungekanntem Ausmaße, nie gegeben; als wäre nicht bekannt, wozu Staaten fähig waren und in zunehmenden Maße sind. Der Autor schweigt darüber, was die Geschichte der Staaten den Menschen auch brachte: Auschwitz und Hiroshima. Einen Vorgeschmack der Umsetzung des Weltstaats kann man bereits heute schon bekommen, wenn man sich den Menschenrechtsrat der UNO ansieht – der faulen Existenz des Monsterstaates der Zukunft -, in dem der Iran, Venezuela, Saudi-Arabien und Konsorten dem Anliegen der Freiheit, im Sinne des Autors, mit großem Engagement bereits nachgehen.

Die Philosophen zerbrechen sich seit 2000 Jahren den Kopf, was das gute Leben sei. Die (deutschen) Soziologen präsentieren ihrem Publikum seit ca. 100 Jahren mit jeder neuen Monographie wissenschaftlich und empirisch abgesichert neue Versionen des eigentlichen Lebenssinnes (Arbeit, Freizeit, Erlebnis, Selbsterhaltung etc.), die mit immer neuen Theorien unterlegt sind und den Publikationen ihrer Konkurrenten jeweils widersprechen. Sind alle Versionen abgegrast, geht das Spiel mit dem Wiederentdecken der Klassiker von vorne los. Nicht anders läuft es bei den ganzen bunten Magazinen und Internetblogs, hier findet man die ganze Palette von Ratgebern, die ebenfalls den Sinn des Lebens für die Bedürftigen stiften möchten und von Karriere, Urlaub, Fallschirmspringen, Elternglück und Bausparvertrag schwadronieren, und dabei auch nichts anderes tun als die ehrenwerte Wissenschaft. Den Schlüssel zur Frage aller Fragen haben aber ausgerechnet die allabendlichen TV-Serien neuen Typs gefunden. In Serien wie The Walking Dead wird nicht Sinn gestiftet, sondern es werden die geheimen Wünsche und die allgemeine gesellschaftliche Tendenz, die gegeneinander kongruieren, aufgespürt und inszeniert. Der Erfolg dieser Serien beweist damit, dass die Kulturindustrie einfach schneller und schlauer ist als alle Sozialwissenschaftler, Meinungsforscher und Feuilletons zusammen.

Der Staat des Kapitalismus’ der nachliberalen Ära werde unweigerlich die Demokratie und die in ihr erreichten Individualrechte kassieren und zum faschistischen Staat mutieren, so die Diagnose der Kritischen Theorie über den Staat des beginnenden Spätkapitalismus in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wie kam sie zu dieser Prognose, und warum traf sie nur teilweise zu und wurde später revidiert? Und wie sieht es jetzt mit der Demokratie aus, nachdem ihre großen Gegner, Faschismus und Kommunismus, besiegt sind? Kann sie ohne ideologische Gegnerschaft, deren Unterlegenheit sie moralisch wie ökonomisch demonstrierte, noch ihre Waffen und ihren Verstand schärfen, wird sie noch gebraucht? Oder waren es gar Pyrrhussiege, die statt des endgültigen Sieges oder dem Ende der Geschichte nur ihr eigenes Vergehen kurz aufhielten und eine neue Runde der Vorgeschichte der Menschheit einleiteten? Ein Versuch über den historischen Zusammenhang von kapitalistischer Gesellschaft und demokratischem Staat.

Im Kapitel über die Kulturindustrie der “Dialektik der Aufklärung” von Horkheimer und Adorno werden die Phänomene der sich professionalisierenden Kulturindustrie, deren Avantgarde sich zu dieser Zeit in den USA befand, dargestellt. Zugleich werden diese Phänomene eingebettet in die Theorie des Spätkapitalismus der Autoren, deren Vorarbeit auf Marx’ Kritik der Politischen Ökonomie des Liberalismus zurückgreift.[1] Es wird dabei deutlich, wie aus der Warenform des sich administrativ organisierenden Kapitalismus eine neue Form des Wahrnehmens selbst sich in einer Ware verkörpert, die durch die neuen Massenmedien die Rezipienten allumfassend erreicht. Ihre ursprüngliche Funktion ist die des Surrogats, ihre Produkte wollen das Subjekt für den Verlust des Objekts entschädigen, mit Unterhaltung und Trost im Tausch für die Gleichgültigkeit und Langweile im entfremdeten Arbeitsprozess. Sie ist Teil des Preises im Tausch für das tagtägliche Opfer. Ihre Eigenschaften sind ihr Systemcharakter und die sukzessive Umwandlung der Surrogatfunktion, d. h. ihrer Legitimation oder ihres Gebrauchswertes, in die hergestellte Wirklichkeit, in den Tauschwert, der kein anderes mehr außer sich kennt. Damit ist die Theorie über die Kulturindustrie, die sich diesen Namen im Übrigen selber gab, zugleich eine Erkenntnistheorie. Über dieses Moment soll hier reflektiert werden.

Max Horkheimer schrieb einmal, dass das ganze Marxsche Werk ein einziges entfaltetes Existentialurteil über die Gesellschaft sei, in der kapitalistische Produktionsweise herrscht. Es ist kein Wunder, dass dieses Urteil vernichtend ausfiel, war das Elend, das sie verursachte doch nur allzu offensichtlich, und es bedurfte zunächst keiner ausgefeilten Theorie oder Kritik, um dieses Urteil zu begründen. Der wilde ursprüngliche Kapitalismus des 18. und 19. Jahrhunderts machte die Menschen zu erbärmlichen Kreaturen, beutete das Proletariat bis zur Grenze seiner Lebensfähigkeit um des Profits willen aus. Aber was ist aus diesem Kapitalismus geworden, ist er heute nicht ein ganz anderer, nämlich ein moderner, demokratischer, sozialstaatlicher, an Marktwirtschaft und Gemeinwohl orientierter Kapitalismus? Hat er sich nicht bis zur Unkenntlichkeit gewandelt und höchstens noch den Namen mit seinem ungehobelten Vorgänger gemein, hat er nicht seinen Klassencharakter endgültig abgestreift? Ist seine Existenz nicht die umfassende Bedingung allgemeinen Wohlstandes geworden? Mit anderen Worten: Ist das Urteil des Skandals über ihn nicht längst überholt?

Der akademische Antisemitismus, der Antisemitismus, der an Hochschulen, von den Institutionen selber, von Studenten, Dozenten und verschiedenen Gruppen ausgeht und praktiziert wird, ist nicht neu. Es gab ihn früher schon, und es gibt ihn heute noch – aber etwas hat sich grundlegend verändert. In den USA wird darüber berichtet, insbesondere von Organisationen, die den Antisemitismus aufdecken und bekämpfen, wie der ADL. Über die Ursachen liest man weniger, deshalb soll hier eine These über die Ursachen des neuen Antisemitismus im akademischen Umfeld vorgestellt werden.

Der folgende Text wurde ursprünglich für einen Essaywettbewerb geschrieben, aber dann doch lieber nicht eingereicht. Das Thema war: Wie sieht Bildung im digitalen Zeitalter aus? Ist Bildung einfach internalisiertes spezifisches Ausbildungswissen plus sogenannte Allgemeinbildung, das irgendeinem Bildungsideal folgt? Impliziert die (R)Evolution von technischen Medien automatisch einen Fortschritt in der Bildung? Die ideologischen Voraussetzungen dieses Essaywettbewerbs sollen nicht einfach hingenommen werden, sondern als Ausgangspunkte dienen, um einen Begriff von Bildung zu entwickeln und ihre beschränkte Existenz in der historisch-spezifischen Gesellschaftsform, in der wir leben, nachzuzeichnen. Dabei soll deutlich werden, dass neue Medien nur unter bestimmten gesellschaftlichen Voraussetzungen die Hoffnungen bezüglich der Bildung erfüllen, die in sie gelegt werden.