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Despotie der gesellschaftlichen Produktionsherrschaft, demokratische Staatsherrschaft und demokratische Identität der Gemeinschaft

Der Staat des Kapitalismus’ der nachliberalen Ära werde unweigerlich die Demokratie und die in ihr erreichten Individualrechte kassieren und zum faschistischen Staat mutieren, so die Diagnose der Kritischen Theorie über den Staat des beginnenden Spätkapitalismus in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wie kam sie zu dieser Prognose, und warum traf sie nur teilweise zu und wurde später revidiert? Und wie sieht es jetzt mit der Demokratie aus, nachdem ihre großen Gegner, Faschismus und Kommunismus, besiegt sind? Kann sie ohne ideologische Gegnerschaft, deren Unterlegenheit sie moralisch wie ökonomisch demonstrierte, noch ihre Waffen und ihren Verstand schärfen, wird sie noch gebraucht? Oder waren es gar Pyrrhussiege, die statt des endgültigen Sieges oder dem Ende der Geschichte nur ihr eigenes Vergehen kurz aufhielten und eine neue Runde der Vorgeschichte der Menschheit einleiteten? Ein Versuch über den historischen Zusammenhang von kapitalistischer Gesellschaft und demokratischem Staat.

Die These von der Entwicklung des demokratischen zum autoritären Staat bzw. der Verschmelzung von Gesellschaft und Staat zum faschistischen Unstaat ist direkt aus der Marxschen Kritik abgeleitet und schien sich an den unleugbaren Phänomenen der gesellschaftlichen Entwicklung zu bestätigen, wie der Machtkonzentration des Staates und der Entstehung mächtiger Megakonzerne zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa und Amerika. Aber nur bestimmte Staaten wurden faschistische, andere blieben, was sie waren, nämlich Demokratien. Wie konnten Politik und Mentalität den sozio-ökonomischen Bedingungen, die den Faschismus so begünstigten, standhalten? Zunächst soll ein Blick zurück helfen, die durchaus nicht wahrscheinliche Liaison von Kapitalismus und Demokratie verständlich zu machen, die in der liberalen Frühphase der kapitalistischen Gesellschaft zuließ, was wir heute für selbstverständlich halten.

Wie aus der Despotie der Produktion die Demokratie der Politik wurde

Im Zuge der Steigerung der Produktivkraft durch zunehmende Arbeitsteilung und Entwicklung moderner Produktionsmittel war die Möglichkeit der Subsumption der Arbeit unter kapitalistische Produktionsverhältnisse in der Neuzeit endgültig geschaffen und somit die ersten kapitalistischen Unternehmen geboren. Denn diese Steigerung erlaubte es, ausschließlich für den Markt Waren zu produzieren und mit den erzielten Gewinnen, die Produktion zu steigern und ihre Bedingungen weiter zu verbessern. In der Frühphase des produzierenden Kapitalismus’ war es die manufakturmäßige Produktion, auf Grundlage verbesserter Arbeitsteilung in Werkstätten oder eben Manufakturen, die vorherrschte. Marx kritisierte im Kapital die Smithsche Vorstellung, dass die Arbeitsteilung im Großen, d. h. innerhalb der Gesellschaft durch den Tausch der Waren auf dem Markt, genauso funktioniere wie im Kleinen, d.h. in den Manufakturen, Werkstätten und Betrieben, und nur graduell unterschiedlich seien. Marx entgegnete, dass dort gänzlich verschiedene organisatorische Prinzipien herrschten: Die Anarchie des Marktes vermittle die unterschiedlichen fertigen Produkte verschiedener Privatarbeiten durch Kauf und Verkauf, während in den Manufakturen die Despotie durch Kommando und Gehorsam die Organisation der Arbeiten steuere und dadurch gemeinsam ein Produkt schaffe. “Die manufakturmäßige Teilung der Arbeit unterstellt Konzentration der Produktionsmittel in der Hand eines Kapitalisten, die gesellschaftliche Teilung der Arbeit Zersplitterung der Produktionsmittel unter viele voneinander unabhängige Warenproduzenten.”[1] Während der Kapitalist ganz asiatischer Despot ist innerhalb seines Produktionsbesitzes, ist er auf dem Markt nur einer von vielen, der kauft und verkauft, auf einem kaum überschaubaren Feld. Trotz Konkurrenz haben dabei alle Kapitalisten ein gemeinsames Interesse: Erhaltung der Marktbedingungen und rechtlich verbrieftes Eigentum an den Produktionsinstrumenten. Also den Bedingungen, die ihre Existenz als Kapitalisten ermöglicht haben.

Wie muss die adäquate politische Situation in so einem gesellschaftlichen Umfeld aussehen, kann ein König willkürlich entscheiden, können viele Fürsten willkürlich entscheiden? Das können sie nicht, die politische Macht muss konzentriert sein, um gleiche Verhältnisse zu gewährleisten, der König muss auf ein wirtschaftlich erstarktes Bürgertum und seine Interessen hören, um an der Macht zu bleiben. Der bürgerliche Interessenpluralismus, der aber ein gemeinsames Interesse hat, nämlich rechtlich garantierte gleiche und freie Marktbedingungen, Privatbesitz an Produktionsmitteln etc. konstituierte die politischen Rahmenbedingungen der parlamentarische Demokratie, die bestimmte historisch kontingente Regierungsformen zuließen, aber eben nicht alle möglichen. Die Durchsetzung des adäquaten politischen Überbaus für die herrschenden Produktionsverhältnisse geschah in England und Frankreich deshalb durchaus unterschiedlich. Die Herrschaft der Bürger konnte sich in der Monarchie ebenso ausdrücken wie in der Republik. Letztendlich bestimmte die Bürgerschaft, die vielen Kapitalisten, die Politik; sie war die Herrschaft der Vielen (ca. ein Fünftel der Bevölkerung), die den Herrscher wählten oder unterstützten, der ihre Interessen vertrat. Ob Monarchie oder Demokratie, Despotie oder Parlament spielte keine so große Rolle, solange die Regierenden nicht eigenmächtig handelten und ihre Aufgaben nicht vergaßen, deren Erfüllung sie versprachen und die ihnen garantierte, an der Spitze des Landes zu agieren. Die Mitsprache der Vielen in der Regierung in England berief sich auf eine lange Tradition der Mitsprache des Adels im Königshaus, dessen Macht die Bürgerlichen mit der Umwälzung der Produktion und seiner Verhältnisse nahtlos übernahmen. In Frankreich berief man sich auf die Nation der französischen Revolution, die hernach mit Bonapartismus, also ihrem Gegenteil, wie mit Parlamentarismus gut zurecht kam, solange die Politik bürgerliche Politik machte. Der moralische Überschuss aber (allgemeine Menschenrechte), den die Herrschaft der Vielen denkbar werden ließ, tendierte dazu, dass politische System als parlamentarische Demokratie zu etablieren, die durch Wahlen den gesamten Volkswillen ausdrücken sollte, um den Geruch eine bürgerlichen Aristokratie zu vertreiben. Nach der institutionellen Absicherung dieser politischen Verhältnisse in Verfassung, legalen Parteien und der zwanghaften und oft brutalen Internalisierung der Produktionsverhältnisse durch die Massen, war der Weg frei für das allgemeine Wahlrecht. Die Berufung auf die Demokratie der Freien in Griechenland im Gegensatz zur asiatischen Despotie holte nicht völlig zu Unrecht alles Positive auf die Seite der modernen Demokratien. So wurde der Nationalstaat westlicher Prägung das erste politische Modell der kapitalistischen Gesellschaft, weil es gerade als Einheit der Vielen ihr gemeinsames Interesse garantierte, d. h. die Vielen wählten oder unterstützten den Einen oder die Einheit der Regierung. Souveräner Nationalstaat, beherrscht durch eine für eine Legislaturperiode gewählte Regierung, Demokratie, ausgedrückt durch die Wahl der Regierung und Gewaltenteilung, die die despotische Machtübernahme einer gewählten Regierung erschwerte, waren die politischen Ergebnisse des liberalen Kapitalismus, in dem die Bürger zwar einen Machthaber sehen wollten, aber einen, den sie wählen und abwählen konnten.

Die demokratische Identität als Modell für die nationale Macht

Was aber, wenn der materielle Unterbau des demokratischen Staates wegbricht? Also die vielen kleinen bürgerlichen Despoten der Produktion aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung, oder konkreter, der Konzentration des Kapitals, der beschleunigten Umkrempelung der Produktivkraft, zu wenigen großen Despoten werden und schließlich ganz verschwinden? Wenn die vielen Unternehmen zu wenigen mächtigen, weltweit agierenden Kapitalagglomerationen mutieren? Dann sind die Kapitalisten weg, die Kommandanten wegrationalisiert, weil die Kommandos ohnehin klar sind – der Verwertungsimperativ ist allgemein verinnerlicht zu einem Naturgesetz geworden. Die großen Dampfer des Kapitals sind also nicht ohne Kapitän, sind nicht führerlos, sondern vollautomatisiert und die Automatik wird durch spezialisierte Kräfte (Manager) in den verschiedenen Branchen feinjustiert. Der Kapitalismus kommt endgültig zu sich. Welche zwangsdemokratischen Despoten aber halten dann noch die freiheitliche Fahne des Abendlandes hoch? Wer kontrolliert und steuert den Staat aus der Gesellschaft heraus, wenn es keine Bürger mehr gibt? Hat der Staat nun freie Fahrt und kann den Ballast der Demokratie abwerfen und seine geballte Macht hemmungslos entladen? Oder anders herum gefragt, wie kann er demokratisch bleiben ohne bürgerliche Kontrollinstanz? Welche Staaten schaffen das?

Physiognomien demokratischer Staatsführer (Churchill, Roosevelt, de Gaulle).

Nun allein die Staaten, die die Demokratie als Ritual, als Kult und als Teil ihrer Identität und als Voraussetzung der minimalen formalen Menschenrechte über Dekaden verinnerlicht und ihre Institutionen gestärkt haben und so über ihre materiellen Voraussetzungen – der Bürgerschaft – hinaus prolongieren konnten. Die Staaten, deren Individuen Demokratie, Freiheit und Individualrechte gegenüber nichtdemokratischen Staaten zwar genießen dürfen und wohl schätzen, angesichts der Unterdrückung in Despotien, aber sie zuvörderst verteidigen als ihre Identität und das selbst im Zeitalter der Zusammenballung der Macht in Staaten und Trusts sowie anhaltender Krisen. Sie verteidigen damit das, was sie gegenüber anderen sind. Eine imaginäre Gemeinschaft der Demokraten und freien Individuen und ihres Staates, der nach diesen Werten handeln soll und diese Werte so tatsächlich erhält. Die Identität wird so zur List der Vernunft, aber ohne, dass sie die Vernunft dadurch vorantreibt oder bewusst macht, sondern sie vor ihrem totalen Abgrund bewahrt. Der alte Westen, erweitert um die Neue Welt als sein neues Zentrum, ist somit dank seiner Identität das Bollwerk gegen den Zerfall der bürgerlichen Demokratie. Als die USA nach dem Zweiten Weltkrieg die Führungsrolle im Westen vollends übernahmen, kam gegenüber dem alten Westen noch ein weiteres, genuin amerikanisches Element, zu dieser Identität hinzu: Nämlich das des missionarischen Eifers der protestantischen Sekten, die säkulare Religion der Demokratie und Freiheit zusammen mit den ökonomischen Grundbedingungen ihrer Macht, die weltweit offenen Märkte, in den dunklen Teil der Welt zu bringen. Dieses Moment, das “weiche” identitäre Moment, das der Westen, unter Ausblendung und Verdrängung seiner imperialistischen Phase, gegen den despotischen Osten hochhielt und sich somit von ihm abgrenzte und gleichzeitig sich selbst damit definierte, hatte die Kritische Theorie der Vorkriegszeit unterschätzt. Als sie ihr bewahrendes Moment erkannte, unterstütze sie in der Nachkriegszeit die Bemühungen des Westens um Demokratie und Freiheit und versuchte, die Reeducation in die Köpfe der Deutschen zu hämmern. Demokratie und Freiheit, nicht die Volksgemeinschaft, sollten von nun an auch die Identität der Deutschen prägen und der politische Ausdruck der kapitalistischen Gesellschaft sein, den sie eigentlich schon längst nicht mehr bedurfte, der sich aber wie ein Wunder auf verschlungenen Wegen erhielt. Von den vielen Missverständnissen, die bei so viel Pragmatismus daraus unter den Anhängern der Kritischen Theorie entstanden, soll hier nicht die Rede sein. Aber dass es jetzt um die Verteidigung des Demokratiekultes ging, als letzte Bastion gegen die Rebarbarisierung des Kapitalismus’, nicht um dessen Abschaffung, nachdem statt der Revolution der Faschismus in weiten Teilen östlich des Rheins gesiegt hatte, ging vielen nicht auf.

Der Nationalstaat als Selbstzweck

Was war mit den sogenannten verspäteten Nationen? Sie sind nicht einfach Projekte nachholender Modernisierung, sie waren Nationalstaaten, die sich als solche konstituierten ohne Volk und ohne Bürger, die sich gegen das alte Regime durchzusetzen vermochten. Dementsprechend riefen die alten Eliten den Nationalstaat von oben aus, um die gesellschaftlichen Verhältnisse, den Nährboden der Umwälzung der Produktivkräfte mit einem Kraftakt aus dem Boden zu stampfen, der nur allein für den Konkurrenzkampf in der neuen Welt der Nationen, die die alte Welt der Stämme auf eine neues Level hob, zulänglich war und für sie lediglich die Welt der Herrscherhäuser und Stämme ablöste. Es war ein Spiel, in dem sie mitspielen wollten, und zwar mit den neuen Waffen, die die neue Produktivkraftentwicklung hervorbrachte, aber mit den alten Produktionsverhältnissen und Vorstellungen von Siegern und Besiegten, von Herrschern und Untertanen. Alle Eigenschaften bürgerlicher Staaten existierten hier nur in Kümmerformen: das Bürgertum war schwach, der Interessenpluralismus wie die Interessenkonvergenz in der Freiheit des Marktes wenig ausgeprägt, der Klassenantagonismus wenig bewusst, die Trennung von Gesellschaft und Staat kaum vollzogen. Das Vertragsdenken stand gegenüber dem autoritären Duktus auf verlorenem Posten, der antrainiert im feudalen Herrschaftsverhältnis, seinen verlängerten Tugenden im Militarismus und dem autoritären Volkscharakter, sich gut mit dem Untertanentum, der Despotie der Fabrikarbeit, wie Marx es nannte, kombinieren ließ. Hier entstand auf der Höhe der Zeit ein zweites politisches Modell, dass den Kapitalismus allein als notwendiges Mittel für sich betrachtete, die Produktivkraft zur Mehrung der Macht des Staates und seiner Eliten zu steigern. Denn diese modernen Nationalstaaten entstanden nicht als Mittel für den Zweck der bürgerlichen Gesellschaft, sondern sie waren Selbstzweck, dessen Mittel die bürgerliche Ökonomie war. Und zwar deswegen, weil diese Nationen sich erst zu dem Zeitpunkt gründeten, als das alte Zweck-Mittel-Verhältnis mit dem Ende der liberalen Ära auch in den westlichen Nationen im Begriff war sich umzukehren, zum Imperialismus zu werden. Man sah im Osten also die Macht dieser Staaten und versuchte in diesem Machtkampf mitzuhalten bzw. die westlichen Staaten zu übertrumpfen.

Physignomien der Staatsführer des Spätkapitalismus (Mussolini, Hitler, Pinochet).

Wie konnten das Deutsche Reich so schnell aufholen? Weil es die neue Produktivkraftentwicklung antizipierte und kompromisslos umsetzte. Das Erste betraf die Arbeitsteilung von Staat und Gesellschaft. Der Antagonismus aus der Entstehungsgeschichte der kapitalistischen Gesellschaft konnte sofort beiseitegelassen werden, sie mussten nicht erst zusammenfinden, sie waren eins. Die Eliten waren sich einig, Staat und Ökonomie handelten im Gleichschritt. Der autoritäre Staat und riesige Kapitalagglomerate standen sofort bereit bzw. deren Entstehen wurde nicht eingeschränkt, sondern soweit sie auf Staatslinie waren gefördert. Die hohe Verschuldung im Ausland, die solche Investitionen in modernste Produktionsmittel ermöglichte, sollte die gepäppelte Kriegsindustrie begleichen, so der räuberische Plan, der offenlegte, wie weit es hier mit der Moralischen Ökonomie her war. Man war nicht an Tausch und Handel interessiert, sondern an Herrschaft und Eroberung. Der ganze Staat, die ganze Wirtschaft war nichts anderes als eine autoritär administrierte Kriegsmaschinerie. Eben Helden (Deutsche) gegen Händler (Engländer), wie es der deutsche Soziologe W. Sombart treffend ausdrückte, aber nicht kritisierend sondern affirmierend meinte.

Die Moralische Ökonomie, der friedliche Güter- und Interessenausgleich der Vielen in der geglaubten Illusion des gerechten Tausches, der eine Despotie verhinderte, sah in den Spiegel seiner Zukunft. Als er das Unheil aber in zwei Weltkriegen besiegte, und damit die drohenden Ungeister seiner eigenen Zukunft, bestärkte das seinen Demokratie- und Freiheitskult als Identität und Sinn enorm, auch wenn die unterliegenden materiellen Tendenzen – Konzentration von Staatsmacht und Kapital – in eine andere Richtung zeigten. Ebenso trug die Polarität im Kalten Krieg mit der Sowjetunion und seinen Satellitenstaaten zu diesem Selbstverständnis bei. Aber: Was vordergründig als ein politischer Systemvergleich galt, war untergründig dasselbe Spiel wie gegen das Deutsche Reich und den Faschismus der nachholenden Peripherie. Es war ein Kampf gegen den autoritären Staatskapitalismus – mit nur schlecht camoufliertem Kommunismusanstrich – der nächsten Welle der nachholenden Peripherie östlich von Deutschland, an dem der Westen sein Profil der demokratischen Identität mit dem Sieg im ökonomischen Ausscheidungskampf beim Hochrüsten der Atomarsenale weiter schärfte.

Das Ende der Geschichte oder die Fortschreibung der Vorgeschichte?

Da der Westen und sein politisches Modell, initiiert aus einer historisch vergangenen gesellschaftlichen Situation und erhalten durch einen gemeinschaftsstiftenden Kult, die faschistische Staatsform mit Hilfe der Sowjetunion beseitigte, und 45 Jahre später dieselbe ökonomisch niederrang, wurde es zu einem Exportschlager. Viele ehemals faschistische Länder versprachen sich von der demokratischen Identität den gleichen Erfolg wie die USA. In Deutschland brauchten die Alliierten allerdings zunächst Zwang, bevor den Deutschen klar wurde, dass es ohne die weltweite Akzeptanz als Staat mit demokratischer Identität nicht mehr ging. Die eigene nationale Macht konnte nur noch durch wirtschaftliche Stärke vorangetrieben werden und blieb so beschränkt. Die Neukonstitution der staatlichen Macht, die es ehemals mit der sozialistischen Identität versuchte, brachte vergleichsweise mildere Autokratien hervor, wie Russland und China heutzutage. Sie beendeten den direkten Zwang zur Arbeit, mit dem sie ehemals die privat konkurrierenden Kapitalisten und Arbeiter überzog, und kehrten zum richtigen Kapitalismus der Privatarbeiten zurück. Allerdings sind die neuen kapitalistischen Unternehmen solche von Staates Gnaden. Es sollte sich nicht ein märchenhaft reicher Milliardär einbilden, die Staatsbande durch seine Clique herauszufordern, womöglich noch mit der Forderung nach freien Wahlen. Dann wird es ihm ergehen wie Michail Chodorkowski. Diese Staaten verzichten auf Demokratie- und Freiheitskult, weil sie immer noch von der Überlegenheit des zweiten Staatsmodell überzeugt sind, das den neuen gesellschaftlichen Bedingungen weitaus besser entspricht, als die alten langsamen und die Staatsmacht behindernden Institutionen, wie den Minimalkonsens mit der Bevölkerung und die Aufrechterhaltung der minimalen formalen Freiheitsrechte der Staatsbürger. Sie sind somit krypto-faschistische Staaten. Ihr gemeinschaftlicher Kitt beruht auf einen starken Führer und der Imagination eines ruhmreichen Volkes, welches jedes noch so erbärmliche Individuum für sein verkorkstes Leben entschädigen soll. Mit diesem Modell der imaginären Gemeinschaft, die viel heroischer ist und den Abgehängten Rache an anderen verspricht, sprechen diese Staaten auch viele autoritätssüchtige Charaktere der westlichen Demokratien an; gleichzeitig sichern sie mit diesem Gegenmodell aber die Identität der Demokratien des Westen weiter ab, die ihre Identität an diesem Gegensatz aufrechterhalten kann. Denn das Demokratischwerden der Welt wäre zugleich ihr Ende, da ohne Funktion jede kultische Imagination an der Wirklichkeit über kurz oder lang scheitert.

Das neue Deutschland – zerrissen zwischen zwei Formen des Gemeinschaftskultes?

Wie tief ist der demokratische Gemeinschaftskult in das deutsche Bewusstsein eingesickert? Kann der Zwang zur imaginären Gemeinschaft der freien Demokraten, auferlegt durch die Siegermächte der westlichen Alliierten und mehr oder weniger 60 Jahre durchgehalten, gegen den modernen Stammeskult der Kulturnation, der sich mit seinem hierarchischen Weltbild so gut mit der Despotie von Fabrik und Büro verträgt, dauerhaft durchsetzen, d. h. wird er geglaubt? Die Sicker-Metapher, die in der rhetorischen Frage an den Anfang gestellt wurde, taugt hier eigentlich wenig. Das deutsche Identitätsbedürfnis dichtet sich nach außen durch eine undurchdringliche Teflonschicht ab. Denn eines scheint sicher, da es sich tagtäglich bestätigt, der demokratische Gemeinschaftskult dringt in die Deutschen nicht viel tiefer als das Christentum im Mittelalter in die deutsche Seele, die ihre propagierte Tiefe vor allem aus ihrer unendlichen Leere schöpft. Das Kriterium dafür ist der rein instrumentelle Charakter mit dem die demokratische Identität angenommen wird. Sie ist die Tarnkappe auf dem Weltmarkt der konkurrierenden Nationen, denn neben der Herstellung von gefragten Waren auf dem neuesten Stand der Produktivkräfte ist für den Erfolg des Absatzes mittlerweile auch ein moralischer Wettkampf ausgebrochen, der die politischen Ideologien der Vergangenheit ersetzte. Ebenso wie das Christentum ist die demokratische Identität in Deutschland nur ein Instrument der Macht geblieben, auf welches sich Politik und Feuilleton zwar viel einbilden und als urdeutsche Tugend verkaufen, welche von den Deutschen, auch unter dem Druck der Alliierten, aber nur als Notwendigkeit im ökonomischen Wettbewerb empfunden wird. Vielmehr wird aus dieser aus der Not geborenen Tugend ein moralischer Wettbewerbsvorteil gezimmert, der zusammen mit der sogenannten Bewältigung der Vergangenheit, die irgendwie über die Deutschen kam, durch die Hintertür eine neue Version der Volksgemeinschaft propagiert, die dem Modell des geläuterten Trunkenboldes verfolgt, der nun als Heiliger auftritt. Zwar wird im neu propagierten Völkerzoo eine Hierarchie der Völker nach NS-Ideologie streng abgelehnt, was dieses Modell gerade für die Gegner der Hegemonie der USA sehr attraktiv macht, und die USA moralisch vor den Kopf stoßen soll, aber sie ist natürlich auch der eigenen militärischen Machlosigkeit geschuldet, die die Wahl der Waffen einschränkt.

Was spricht also noch für das demokratische Modell der nationalen Identität in Deutschland? Vor allem die sogenannte Bindung an den Westen, wobei das befreundete Ausland der Alliierten nicht genau einschätzen kann, worauf sie beruht, auf Zwang oder bereits auf Überzeugung. Wie bei jedem Sieg einer Macht über eine andere, bleiben nicht viele Möglichkeiten zur dauerhaften Einrichtung des Sieges, entweder Auslöschung des Unterlegenen, was dumm wäre, totale Annexion und Assimilierung, was unabsehbar lange dauern und in einem opfervollen Kleinkrieg enden könnte, oder aber aus dem Besiegten einen Alliierten schmieden. Da letzteres Modell dem demokratischen Verständnis entspricht und die anderen Versionen dem deutschen Modell, geschah jenes. Die unweigerliche Konsequenz davon ist der Austausch der Eliten in Politik und Verwaltung oder das Überlaufen alter Eliten, und die Änderung der staatlichen Institutionen. Wie der französische Adel nach der Eroberung Englands durch Wilhelm alle wichtigen Posten selber besetzte, weil mit ihnen die Pfründe verbunden waren, tauschten die Alliierten alle Nazis durch Demokraten, oder solche, die vorgaben, welche zu sein, aus, um die demokratische Saat aufgehen zu sehen. Mit stationierten Truppen bekräftigten sie ihre Absicht. Diese viel zu noble Entscheidung angesichts der gigantischen Verbrechen des Deutschen Reiches und die damit verbundene Beschämung der Deutschen hat man ihnen bis heute nicht verziehen und projiziert die eigene Handlungsweise in gleicher Situation auf sie, indem man sie als brutale Unterdrücker und Ausbeuter halluziniert, die mit Google, Facebook, NSA und TTIP die Daumenschrauben immer fester anzieht. Das demokratische Modell wurde somit fremdinstalliert, um den Deutschen eine zweite Chance zu geben, allerdings nur unter der Prämisse der demokratischen Gemeinschaftsimagination, die es lediglich erlaubt, die ökonomische Macht zu stärken und keinen Krieg gegen eine andere demokratische Macht vom Zaun zu brechen. Der kulturelle Fortschritt war mit Händen zu greifen, Reichtum durch Produktion und Handel sollten den Raub durch Krieg ersetzen, ökonomische Konkurrenz die gewaltsame Feindschaft, und die Imagination der friedlichen Gemeinschaft der Demokraten sollte die Wahnvorstellung der Volksgemeinschaft ersetzen.

Eines ist dabei klar, eine Identität einer Gemeinschaft baut sich vor allem darauf auf, dass andere Gemeinschaften nicht die gleiche haben, es sei denn man betrachtet sich als Verbund einer noch größeren Gemeinschaft, wie bspw. des “Westens” und seiner sprichwörtlichen gemeinschaftlichen Werten. Also spitzt sich die Frage darauf zu, gehört Deutschland zum Westen? Wiederum haben die Deutschen zu diesem Modell, wie zu dem christlichen, ein rein instrumentelles Verhältnis entwickelt. Die Eliten in Politik und Wirtschaft sind seine treuesten Anhänger, weil sie dessen Profiteure sind. Sie haben die bestbezahltestes und höchst angesehensten Posten inne, welche ihr “Herz” unterdrücken; sind die Karrieren vorbei oder verlässt sie das Glück, bricht es oft aus ihnen hervor und sie rechnen mit dem ab, dem sie alles zu verdanken haben. Solange der Pöbel also nicht an die Macht kommt oder in die sogenannten Volksparteien einsickert und solange der Westen ein Auge auf Deutschland hat und die stärkeren Waffen vorweisen kann, wird die Welt vor einem Rückfall in die Zukunft suspendiert. Solange also die moderne Klassenstruktur der oberen Angestellten gegen die unteren in Deutschland besteht, wird wohl die Vernunft der Ausbeutung des eigenen Volksgenossen über den Wahn der realen Volksgemeinschaft gebieten – aber darüber sollte man sich in Deutschland nie zu sicher sein.

[1] MEW 23, S. 376.

 

Bildquellen:

  • https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7b/MtRushmore.jpg

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