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Manet oben

Gibt es den Skandal der kapitalistischen Gesellschaft noch?

Max Horkheimer schrieb einmal, dass das ganze Marxsche Werk ein einziges entfaltetes Existentialurteil über die Gesellschaft sei, in der kapitalistische Produktionsweise herrscht. Es ist kein Wunder, dass dieses Urteil vernichtend ausfiel, war das Elend, das sie verursachte doch nur allzu offensichtlich, und es bedurfte zunächst keiner ausgefeilten Theorie oder Kritik, um dieses Urteil zu begründen. Der wilde ursprüngliche Kapitalismus des 18. und 19. Jahrhunderts machte die Menschen zu erbärmlichen Kreaturen, beutete das Proletariat bis zur Grenze seiner Lebensfähigkeit um des Profits willen aus. Aber was ist aus diesem Kapitalismus geworden, ist er heute nicht ein ganz anderer, nämlich ein moderner, demokratischer, sozialstaatlicher, an Marktwirtschaft und Gemeinwohl orientierter Kapitalismus? Hat er sich nicht bis zur Unkenntlichkeit gewandelt und höchstens noch den Namen mit seinem ungehobelten Vorgänger gemein, hat er nicht seinen Klassencharakter endgültig abgestreift? Ist seine Existenz nicht die umfassende Bedingung allgemeinen Wohlstandes geworden? Mit anderen Worten: Ist das Urteil des Skandals über ihn nicht längst überholt?

1. Anlauf: Die Erfolgsgeschichte der Gesellschaft

Das höchste Wesen, das die Natur hervorgebracht hatte, Gottes schöne Schöpfung, war mit dem Beginn des produzierenden Kapitalismus vom Eigentum anderer Menschen zu einer armseligen Witzfigur sondergleichen verkommen. Die vom Adel befreiten Massen, die in die neu errichteten Fabriken der Städte strömten, um die nötigen Pennys zum Überleben durch Verkauf ihrer Arbeitskraft, zu verdienen gezwungen waren, wurden auf ihr “bloßes lebendiges Arbeitsvermögen reduziert” (Marx, Grundrisse, S. 497). Ihr Leibeigenschaftsein wurde zum Arbeitskraftsein nobilitiert, von der bitteren Realität “des Menschen” wurden sie zu seiner Karikatur.

Das Kapital kaufte die Arbeitskraft der Proletarier wie jede andere Ware. Der Trick war und ist, dass diese Ware als einzige selbst produzieren kann, und zwar mehr als sie zu ihrem Erhalt kostet. Dass, was die Menschen zu Menschen machte, ihr Geist, der es ihnen ermöglichte über das nackte Bedürfnis hinaus zu produzieren, um zu werden, was sie erträumen, hatte nun seine endgültige höhere Bestimmung gefunden: Man konnte die Produktion, die über die natürlichen Bedürfnisse hinausging nicht einfach nur abschöpfen wie der Adel, sondern sukzessive steigern, aus Wert mehr Wert machen, aus Geld noch mehr Geld. Dafür musste man die Menschen nur auf die animalische Stufe der tagtäglichen Reproduktion der eigenen Lebensverhältnisse zurückzwingen. Was die produzierenden Entrepreneure des Frühkapitalismus – die sich ihre Produktionsmittel ähnlich einfallsreich aneigneten wie die russischen Oligarchen in den 1990ern – auf den Plan rief, um ihre Artgenossen gnadenlos in das Arbeitselend zu stürzen, welches diese wünschen ließ, nie geboren worden zu sein. Ihr Preis, der Lohn, ist die Erhaltung ihrer Arbeitskraft, das nackte Überleben, welches durch die Konkurrenz der Arbeitskraftbehälter selbst aber gar nicht so entscheidend war. Stirbt der Eine oder wird im Arbeitsprozess verkrüppelt, verletzt oder vergiftet, was das Gleiche ist, kommt ein Anderer. So ist es nun einmal, so sind die Verhältnisse für den Großteil der Menschheit die, “in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist” (MEW 1, 383). So ein Leben mit 15-Stunden-Arbeitstag, Kinderarbeit, Cottage- und Trucksystem, in feuchten Wohnungen mit verrußten Wänden, in von Fabrikschloten verdunkelten Vorstädten war wie der Hobbessche Naturzustand: “einsam, armselig, garstig, viehisch und kurz”. Nur dass er zu einem gesellschaftlicher Naturzustand promovierte, d. h. angereichert und versüßt durch das auf die gesamte Wachzeit prolongierte Arbeitselend, während die Hintersassen wenigstens noch Mußezeiten kannten. Die “menschliche” Kultur aber wuchs in ihrem unermesslichen Reichtum, wie es sämtliche Königshäuser zuvor sich nie hätten erträumen können. Eiffelturm, Crystal Palace, die schönen Künste, die elaboriertesten Romane, die prächtigste Architektur, modernste Fortbewegungs- und Kommunikationsmittel ließen im Rückblick das Elend und das implizite Geheimnis der so großartigen menschlichen Kultur vergessen, die man an antiken von Sklaven errichteten Bauten wie den Pyramiden ab und zu noch beklagte: nämlich dass sie auf den verschwendeten Leben, den Knochen und Schädeln, der produzierten Dummheit und Verrohung der allergrößten Zahl der je lebenden Menschen beruht. Sei’s drum. Irgendjemand musste diese Opfer ja erbringen, damit das Menschengeschlecht der Zukunft umso heller erstrahlen konnte, und zwar in dem Glanz, den die idealistischen Philosophen ebenso wie die materialistischen Klassenkämpfer für es erträumten, und damit dem vergangenen Unrecht sogar noch einen inhärenten Sinn abzutrotzen versuchten.

Auf Walter Benjamins Grabstein, der dem verschlafenen Ort seines selbst herbeigeführten Todes einen touristischen Mehrwert verspricht, ist wie ein Werbespruch gepinnt: “Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein”. Besser konnte man es nicht ausdrücken. Aber dem Ganzen eine geplante Notwendigkeit, einen Fortschritt, anzudichten, für die zukünftige Seligkeit, das war neu. Aber der gesellschaftliche Gegenstand spiegelte den Menschen genau dieses Märchen vor, und so wurde es geglaubt, trotz der Werbesprüche auf den Grabsteinen längst verblichener Nörgler.

Alberne Romantisierung früher Industriearbeit, wie sie nur ein deutscher Maler hinbekommt. Die unfreiwillige Komik speist sich aus dem “Respekt […], den der Maler vor ernsthafter, gut gemachter Arbeit gleich welcher Art empfand”. (Wikipedia. 1872-75, Eisenwalzwerk, Adolph von Menzel)

Aber jetzt ist alles anders. Nicht nur die Nörgler sind tot, auch das ganze Elend, der Dreck und sogar der Tod sind verschwunden. Die Opfer waren nicht umsonst. Wir sind die augenblicklichen Glückskinder der letzten Mutation der vorwärts stolpernden und drängenden kopf- und geschichtslosen Gesellschaftsmaschine. Der Wandel des Antlitzes des Kapitalismus’, wie wir ihn kennen, begann mit der notwendigen Verschiebung der Grenze des Absatzes seiner produzierten Waren. Die alten Oberschichten, Staatsdiener und die Kapitalisten konnten den ganzen Plunder, deren Herstellung letztere orchestrierten, einfach nicht mehr alleine konsumieren. Der Produktionsausstoß des Kapitals war so immens, dass selbst bei aller Verschwendung und überbordenden Luxus der besitzenden Klassen, dieselben jenes nicht mehr absorbieren konnten. Viel schlimmer noch, die Profite sanken, die Lagerhallen und Warenhäuser quollen über. Absatzkrise! Während das Proletariat nahe dem Hungertod war. Die ganze Erfolgsgeschichte des Kapitalismus drohte sich selbst abzuwürgen, noch bevor er sich unersetzlich für die Menschheit machen konnte. Aber er bewies, dass er mehr Leben als alle Katzen dieser Welt hat und schickte sich an, unsterblich zu werden. Die Lösung hieß, da die Ausbeutung durch verlängerte Arbeitszeiten und Lohndrückerei ihre natürliche Grenze hatte und das Gespenst der proletarischen Revolution angesichts dieser Zustände schon umherspukte, – Partizipation am Konsum.

Das war keine bewusste Entscheidung einzelner Kapitalisten, denn jedes Zugeständnis an die eigenen Arbeiter war schließlich ein handfester Nachteil im Konkurrenzkampf mit anderen Kapitalisten. Sondern der Staat erwachte aus seinem liberalen Schattendasein, seine Eliten witterten die historische Chance, die Größe und Herrlichkeit der absolutistischen Monarchien in der Erzählung der Nation, und damit im neuem nationalen Gewand, wiederauferstehen zu lassen. Dieser Staat kannte keine Klassen mehr, sondern nur noch – im Falle Deutschlands – Deutsche. Er gerierte sich als Vermittler und Versöhner des Klassenantagonismus. Damit waren alle Probleme auf einem Schlag erledigt, allerdings zum Preis der Erweckung des schläfrigen Leviathans über seine eigentlich Funktion als inaugurierter Schutzgelderpressers hinaus. Unter langem Winden und Ächzen machte er der Arbeiterbewegung Zugeständnisse, wie es dem einzelnen Kapitalisten nicht möglich war, und domestizierte sie zugleich, spannte sie für sich ein – zum Wohle des Kapitals. Der Ausbeutung durch immer längere Arbeitszeiten wurde ein Ende gesetzt, nicht länger als 10, später 8 Stunden pro Tag durfte gearbeitet werden. Der absolute Mehrwert durch einfache Erhöhung der Arbeitszeit verlor an Bedeutung zugunsten des relativen Mehrwerts. Die Wissenschaft musste dem Kapital eine Verjüngungskur bescheren. Sie wurde jetzt methodisch in den Verwertungsprozess einbezogen, indem sie als umgesetzte Technik immer bessere Produktionsmittel ermöglichte. Gewaltige Fabriken verschönerten nicht nur die Kulturlandschaft, nein sie beherbergten auch die neuesten und effizientesten Maschinen. Mächtige Werkzeuge halfen die zunächst halb verdrängte Tendenz des Kapitals zu aktivieren, die aktuell im Produktionsprozess verausgabe Arbeit, die den Mehrwert ermöglichte, zugunsten der anwachsenden Produktionsmittel zu verringern, um gegen andere Kapitalisten sich durchzusetzen. Nur wer die besten Maschinen hatte, konnte am billigsten und am meisten produzieren, und musste weniger Löhne zahlen. Damit sanken zwar die Profitraten relativ zum vorgeschossenen Kapital, aber absolut steigerten sich die Gewinne für die verbliebenen Kapitalkonglomerate, die sich im Konkurrenzkampf durch die Herstellung der besten und billigsten Produkte auszeichneten und ihre Produktion und Absatzmärkte immens ausweiteten. Diese Absatzmärkte wurden auch im Landesinneren entdeckt, erste hochmoderne Unternehmen ermöglichten durch Erhöhung der Löhne ihren Fließbandarbeiter den Massenkonsum. Das Kapital konnte endlich wieder frei durchatmen, die Absatzkrise hatte vorerst ein Ende gefunden und das Feld wurde von unfähigen Konkurrenten befreit. Survival of the fittest!

Aber die sozialen Unterschiede werden trotzdem deutlich, hier eine Festveranstaltung am kaiserlichen Hof. (1878, Das Ballsouper, Adolph von Menzel)

Die Zukunft strahlte hell, sogar die Arbeitszeit wurde verkürzt, aber dafür die Arbeit verdichtet, Fordismus und Taylorismus gingen Hand in Hand, die Fabrikarbeit war intensiv und monoton. Der Arbeiter wurde zum Zuarbeiter der Maschine. Dafür konnte er nach Betriebsschluss mit dem T-Modell nach Hause brausen, und eine Ausgabe der Die Protokolle der Weisen von Zion gab Henry Ford noch obendrein, damit die Arbeiter wussten, woran sie sind und wer die Strippen zog, an denen sie alle baumelten. Selbst die industrielle Reservearmee wurde nun in das Projekt der Krisenprävention eingebunden und alimentiert. Der Staat gedieh mit den Steuereinnahmen und nahm den öffentlichen Sektor komplett unter seine Regie. Von nun an konkurrierten Staaten um das Kapital, das Bedingung ihrer Macht ist, zur Not auch mit Gewalt; und die Kriege zwischen ihnen wirkten, durch Aufrüstung und Wiederaufbau, wie Frischzellenkuren für es. Im Nachhinein waren die zwei Weltkriege wie gigantische Konjunkturprogramme, die es – Ironie der Geschichte! – besonders gut mit dem barbarischsten aller Nationalstaaten meinte. Es hatte also doch etwas Gutes, ein bereinigendes Gewitter, das dem ewigen Frieden nur zuträglich sein konnte, und so schlimm war es doch alles gar nicht. Wie Stalin richtig bemerkte, mag ein Toter eine Tragödie sein, Millionen Tote und Verstümmelte sind lediglich noch Statistik. Willkommen in der Angestelltenrepublik!

Manchester 1870 – Massenproduktion ohne Massenkonsum, kurz vor der ersten großen Absatzkrise “Great Depression” 1873.

Aber lassen wir das alles beiseite, brechen wir an dieser Stelle ab, vergessen wir das alles oder lassen es durch Experten musealisieren, d.h. das Dekontextualisieren der Vergangenheit für die Bedeutung der Gegenwart und die kulturindustrielle Aufbereitung dieses Quarks für Schule und Fernsehen als Kompetenz. Außerdem haben wir gelernt, es gibt keine Wahrheit. Um diesen performativen Widerspruch auszuweichen: Es gibt nicht die Wahrheit, es gibt mehrere. Lassen wir die antike Unterscheidung von Wissen und Meinen fallen. Es handelt sich hier also um eine Narration unter vielen. Dem einen oder anderen mag sie nicht gefallen, dem einen ist sie ein Skandal, dem anderen nicht, also vergessen wir das Gesagte und verdrängen wir, dass die nächsten Absatzkrisen und Entlassungswellen kommen werden, so sicher wie das Amen in der Kirche. Widmen wir, wenn das nicht reicht, uns wieder der Ausgangsfrage: Gibt es ihn also noch, diesen Skandal?

Massenproduktion mit Massenkonsum – die Discountwelt innerhalb eines Gewerbe- und Industriegebiets von heute.

2. Anlauf: Die Erfolgsgeschichte des arbeitenden Individuums

Wir müssen dafür tiefer graben, eine andere Geschichte erzählen, die vielleicht doch noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken könnte. Wenn es einen Skandal gibt, dann für wen? Klar, für die Menschen, aber für alle? Scheinbar nicht; wenige sind obszön reich, die meisten bitter arm, eine kleine Schicht in den kapitalistischen Zentren zählt sich zur upper middle class und hält den Rest der Menschheit für lower middle class; – das sind Fragen für die Soziologie. Aber das Urteil des Skandals soll Geltung für alle Menschen haben.[1] Also müssen wir sowohl die Anthropologie und ihr Menschenbild befragen, wie auch die Gesellschaftstheorie, die uns Auskunft über die historisch-spezifische Gesellschaftsform der Menschen gibt, um den Widerspruch zwischen ihnen ausfindig zu machen, den das Voraburteil des Skandals auf den Weg brachte. Meiner Meinung nach hat Marx das schon längst für uns getan, aber diese Erkenntnis ist höchstens wenigen Exegeten bekannt und im Allgemeinen, selbst schon historischen Arbeiter-Marxismus untergegangen.

In seinen spät entdeckten Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten schreibt der 26-jährige Marx im Pariser Exil eine Art anthropologische Grundlegung, die auch für seine späteren Arbeiten bestimmend blieb. Ausgangspunkt ist dabei die Entfremdungserfahrung der Menschen als Lohnarbeiter. Entfremdung aber nicht in dem Sinne, dass der Mensch sich von seinem eigentlichen Wesen, oder was der Anthropologe dafür hält, durch seine Handlungen entfremdet, sondern von dem, was seine Menschwerdung überhaupt erst ermöglicht. Das ist nach Marx eben nicht irgendein Determinismus oder eigentliches Wesen des Menschen, sondern seine Arbeit.

Marx übernimmt den emphatischen Arbeitsbegriff von Hegel und Bruno Bauer, als Vermögen über sich selbst hinaus zu gelangen, sich von der Diktatur der Natur zu befreien, und einen offenen Horizont für die freie Entwicklungen aller seiner Potentiale zu erreichen. Er bleibt aber nicht beim idealistischen Diktum der quasi automatischen Verwirklichung des Menschen durch die Arbeit und der Entfremdung als notwendige Entzweiung stehen. Denn noch bevor Marx sein materialistisches Programm zusammen mit Engels in der Deutschen Ideologie – getrieben durch eine leidenschaftliche Subjektivität, wie sie der Idealismus vorher nicht kannte – ausarbeitet, ist ihm klar, dass das teleologische Programm des Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit ein abstraktes Hirngespinst ist. Mag sein Optimismus noch so ansteckend gewesen sein, die irdische Wirklichkeit sah und sieht anders aus, und ist für Marx nur durch eine aktive und bewusste Revolution der bornierten gesellschaftlichen Verhältnisse möglich, die einerseits Klassenverhältnisse sind, andererseits den Keim der Verselbständigung vom historischen Mittel der Ausbeutung und Herrschaft zum Zweck an sich schon von Beginn an in sich trugen.

Marx’ Kritik der politischen Ökonomie entzündet sich deshalb an dem Arbeitsbegriff der bürgerlichen Nationalökonomen seiner Zeit, die die historisch-spezifische Form der Arbeit, die Erwerbs- oder Lohnarbeit, für menschliche Arbeit überhaupt hielten. Damit bestätigten sie die vorherrschenden Verhältnisse, verdoppelten sie theoretisch, und beschnitten unbewusst die emanzipatorische Kraft der Arbeit, die den Arbeitenden hierin entzogen ist. So verstand Adam Smith die Arbeit auch nur als Opfer, um das Glück in der Nichtarbeit zu finden.

Marx’ Anthropologie beginnt zunächst nicht mit der radikalen Subjektivität des Humanismus, die die gesellschaftliche Objektivität bloßstellt, sondern ungewohnt naturalistisch. Mensch wie Tier leben von der Natur als ihren unorganischen Teil ihres Körpers. Das heißt, die Natur steht ihnen zur Verfügung, sie können sie sich zum Überleben aneignen durch gewisse Tätigkeiten. Marx reißt dabei nicht gänzlich die Natur als Objekt der Verfügung vom Subjekt, den Menschen und Tieren, los, sondern versteht diese Natur selbst als ein Teil von ihr (wenn auch nicht seinem Organismus zugehörig), nicht nur weil Mensch und Tier selbst ein Stück Natur sind, sondern, weil sie ohne sie gar nicht existieren können. Sie ist verlängerter Leib, mit dem sie in beständigem Prozess bleiben müssen, um nicht zu sterben. Marx nennt die Tätigkeit der Naturumformung Produzieren, sei es Jagen, Töten, Kauen oder Hochhäuser bauen. Also produziert auch das Tier. Aber es produziert einseitig, nur zur unmittelbaren Befriedigung seiner Bedürfnisse. Marx sagt, es ist mit seiner Lebensweise unmittelbar eins, “sein Produkt gehört unmittelbar zu seinem physischen Leib, das Tier formiert nur nach dem Maß und dem Bedürfnis der species, der es angehört.” (Marx, MEW, Egb. 1, S. 510 ff.) Der Mensch hingegen produziert universell, je universeller, umso universeller ist der Bereich der unorganischen Natur, von der er lebt. Dabei ist die Produktion nicht ausschließlich Mittel zum Leben, sondern das produktive Leben ist sein Gattungsleben.[2]

In der Art der Lebenstätigkeit liegt der ganze Charakter einer species, ihr Gattungscharakter, und die freie bewusste Tätigkeit ist der Gattungscharakter des Menschen. Das Leben selbst erscheint nur als Lebensmittel. […] Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins. Er hat bewusste Lebenstätigkeit. Es ist nicht eine Bestimmtheit, mit der er unmittelbar zusammenfließt. Die bewußte Lebenstätigkeit unterscheidet den Menschen unmittelbar von der tierischen Lebenstätigkeit. Eben nur dadurch ist er ein Gattungswesen. Oder er ist nur ein bewußtes Wesen, d.h., sein eignes Leben ist ihm Gegenstand, eben weil er ein Gattungswesen ist. Nur darum ist seine Tätigkeit freie Tätigkeit. (ibid. S. 516)

Marx will nun erklären, wie dieser Gattungscharakter in der Gesellschaft sabotiert wird, in der die kapitalistische Produktionsweise herrscht. Die Entfremdung des Menschen von diesem hat demnach vier Dimensionen. Zunächst das entfremdete Produkt seiner Arbeit (Entfremdung der Sache), dass durch das Privateigentum der materielle sinnliche Ausdruck der Entfremdung ist. Dann der Akt der Produktion; die Arbeit steht dem Arbeiter als etwas äußerliches nicht nur von der Natur aufgezwungenes gegenüber, die ihn mit und nach dem Arbeitsprozess nicht wachsen, sondern verkümmern lässt. In der historisch-spezifischen Deformation führt Arbeit nicht zur Selbstentfaltung, sondern zur Selbstentfremdung. Der dritte Punkt ist die Entfremdung von der Natur als seinen unorganischen Körper, sowohl als Lebensmittel als auch als die Materie, der Gegenstand und das Werkzeug seiner Lebenstätigkeit. Die Produktionsmittel gehören dem Kapitalisten, der sie mit der gekauften Arbeitskraft der Arbeiter zusammenschmeißt. Das produktive Leben ist ihm damit einzig zum Mittel zur Befriedigung seiner unmittelbaren Bedürfnisse degeneriert (er kauft vom Lohn Lebensmittel), zur Erhaltung seiner Existenz. Der letzte Aspekt betrifft die Konsequenz: Die Entfremdung des Menschen vom Menschen, der Gattungswiderspruch, in dem das Arbeitsprodukt einem anderen als den Arbeiter gehört und er sich für den Genuss jenes quälen muss. Der andere besitzt die Macht, er keine.

Wir müssen uns nun fragen, wie sieht es mit der Entfremdungserfahrung der arbeitenden Bevölkerung heute aus? Objektiv gilt sie vor dem Hintergrund der anthropologischen Bestimmung des Menschen als frei arbeitenden Wesens und der vorherrschenden Erwerbsarbeit heute noch. Und zwar in einem noch viel höherem Maße wie zu Marx’ Zeiten, nur empfindet das in unserer hoch arbeitsteiligen und stark internalisierten Normalität der Erwerbsarbeit niemand mehr so. Es ist eigentlich egal, was man herstellt oder arbeitet, die freie Entäußerung des Selbst in seinem Produkt der Notwendigkeit oder gar darüber hinaus ist den Menschen auf dem heutigen Produktionsniveau in den herrschenden Produktionsverhältnissen irreversibel entrissen. Man findet sie nur noch bei ganz wenigen Menschen, Künstlern oder Spitzenwissenschaftlern vielleicht, aber sie nimmt in dem Maße ab, wie die Arbeit der Menschen sich der Abstraktheit allgemeiner Arbeit als Wertmaßstab tatsächlich annähert. Marx’ Klage darüber ist längst verhallt. Die Menschen kennen dieses Bedürfnis nicht mehr, weil die Internalisierung der Erwerbsarbeit und die Spezialisierung der Arbeitsteilung ihnen das ausgetrieben hat, obwohl es nach Marx ihrem Gattungscharakter entsprechen sollte. Selbstverwirklichung in der eigenen Arbeit, die sich gerade in der Steigerung der Produktivität über die reine Subsistenz ausdrückt, ist also i. A. verlorengegangen, und nur noch als Propaganda zu haben, wenn von der Vielseitigkeit des Maurerberufs etc. die Rede ist. So sind vielleicht Modeleisenbahn, Heimwerken und Hobbymalerei als degenerierte Surrogate zu erklären. Stattdessen, könnte man einwenden, zählt vielleicht die Höhe der Entlohnung der Arbeitszeit. Denn je höher diese, desto mehr Geld bleibt nach Abzug der Miete und notwendiger Lebensmittel übrig für den Konsum, der einer Selbstverwirklichung dienen könnte. Aber wie sollte man das verstehen? Erstens würde sie außerhalb der Arbeitszeit stattfinden, in der sogenannten Freizeit. Die aber eben keine freie Zeit ist, sondern der Regeneration der Arbeitskraft dient. Wer ausgelaugt und genervt von der Arbeit nach Hause kommt, anstatt auf der Couch zu versinken, den Fernseher oder PC einzuschalten, ein Bier aufzumachen oder einfach nur Schlafen zu gehen, sich seiner umfassenden Bildung widmet, Komponieren lernt, die Relativitätstheorie studiert oder einfach zwei Monate in Alaska lebt und Lachse fängt, müsste Superman sein. (Vielleicht kommt die Faszination für Superhelden aus diesem unbewussten Wunsch.) Also kann man das ausschließen. Der Massenkonsum hat die Funktion, dem Absatz der Waren zu dienen, der subjektive Sinn des überschüssigen Konsums geht eher in die Richtung Sozialprestige. (Wer hat das größere Auto, den höheren Bildungsabschluss etc.?) Wir können festhalten, unabhängig von den Produktionsverhältnissen, ist durch die enorme Entfaltung der Produktivkraft so etwas wie die Entfremdung vom eigenen Produkt schon durch die Arbeitsteilung irreversibel, zumindest für die notwendigen Produkte des Lebens und wenn man nicht hinter das erreichte Produktionsniveau zurückfallen will. Unter anderen Produktionsverhältnissen könnten aber zumindest alle Produkte als Ergebnis gemeinsamer Arbeit allen unabhängig von ihrem Wert zur Verfügung stehen können. Die Privilegierung durch die Schranke des Preises für wenige Zahlungsfähigere würden wegfallen, der Konsum wäre allgemeine Voraussetzung zur Selbstentfaltung aller und nicht die Funktion des Absatzes.

Zum zweiten Aspekt der Entfremdungserfahrung, dem Arbeitsprozess selbst: In gewisser Weise gilt hier dasselbe. Auch hier ist kaum hinter die Arbeitsteilung als ein Instrument der Produktivkraftentwicklung zu kommen. Dem jungen Marx war das noch nicht bewusst, dem älteren ging es nach der Analyse der politischen Ökonomie aber auf, er spricht dann von der notwendigen Arbeit, die zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung dient. Marx wurde so zum unbedingten Befürworter des technischen und produktiven Fortschritts, um diese Arbeit als alltägliche Anstrengung ohne Potential zur Selbstverwirklichung zu verringern. Freilich wäre das nur möglich bei veränderten Produktionsverhältnissen. Unter kapitalistischen Verhältnissen muss sie ausgedehnt werden bzw. muss der organische Anteil, die Maschinen, Automation, etc. des Kapitals wachsen, um andere Kapitalisten durch bessere und preiswertere Produkte aus dem Feld zu schlagen. Es wird – nicht zu vergessen – für den Profit produziert, nicht für das Gattungswesen. Der Mensch ist hier ganz Arbeitskraft und in seiner Freizeit erholende und konsumierende Arbeitskraft. Er ist als Gattungswesen außer sich, und dass obwohl das produktive Niveau schon längst das Erfordernis ad absurdum geführt hat, dass die notwendige Arbeit die vorherrschende sein müsste; im Gegenteil hat es sie bereits marginalisiert. Als Erwerbsarbeit allerdings stellt sie sich dem Lohnarbeiter genauso dar. Er ist, mit anderen Worten, eins mit seiner Lebenstätigkeit, er “unterscheidet sich nicht von ihr. E[r] ist sie. […] e[r] produziert einseitig; e[r] produziert nur unter der Herrschaft des unmittelbaren physischen Bedürfnisses; e[r] produziert nur sich selbst, sein Produkt gehört unmittelbar zu seinem physischen Leib.” (ibid.) Der Arbeiter gleicht eher Marx’ Bestimmung des Tieres als seiner des Menschens.

Damit ist der dritte Punkt vorbereitet, das Privateigentum als rechtlicher Ausdruck des Kapitalverhältnisses depraviert nach wie vor die Menschen nicht nur von der unmittelbaren Verfügung über die Endprodukte, sondern auch von der Natur als Betätigungsfeld freier Arbeit. Sie ist ihm nur als Rohstoff oder Werkzeug eines Besitzers zur Verfügung gestellt, wenn er seine Arbeitskraft verkauft und nach aufgezwungenen Vorgaben entäußert. Der Mensch ist festgestellt auf seine jeweilige Tätigkeit im System der Arbeitsteilung, wird sein Leben lang Mülltonnen leeren, Steuererklärungen anfertigen oder Atomsprengköpfe zusammen schrauben. Ein Wechsel des Berufs wird dabei nur den Inhalt der Arbeit ändern, er wird dann eben eine andere Tätigkeit Tag ein Tag aus nachgehen, die aber allein wieder nur sein physisches Bedürfnis befriedigt. Die Universalität seiner Produktion bezieht sich im vorherrschenden System der Arbeitsteilung nur auf die Gesamtheit der Menschheit, nicht auf die des Individuums, und selbst diese Gesamtheit der universellen Produktion ist alles andere als frei, sie unterwirft sich einem unbewussten gesellschaftlichen Verwertungsparadigma. Wäre diese Gesamtheit, angesichts der Arbeitsteilung als unverzichtbare Produktivkraft, auf die Verwirklichung des Gattungswesen gestellt, könnte sie den Widerspruch zwischen Arbeitsteilung und Gattungswesen überwinden. Universelle Produktion wäre auch für das Individuum möglich, es würde sich erstmals universell verwirklichen. Universell produzieren kann das Individuum natürlich immer nur potentiell, es ist auf das Potential freier Arbeit bezogen, ein Mensch kann nicht alles machen. Muss er auch nicht, da die die Produkte der notwendigen Arbeit durch die Gesamtheit zur Verfügung gestellt werden würden, zu deren Herstellung nur ein marginaler Anteil entfremdeter Arbeit im Leben des Individuums in Anspruch genommen werden müsste. Und dabei wüsste es, wozu es dies tut, nämlich zu seinem Zweck. Dieses wäre dann in die Lage versetzt, zu tun, zu arbeiten, was ihm beliebt, nach seinen Fähigkeiten, Vorlieben und Bedürfnissen.[3] Das wäre der Gebrauchswert der Produktivitätssteigerung und die Funktion der Arbeitsteilung aus Sicht des Gattungswesen, nicht des Kapitals.

Zum vierten Punkt, der Entfremdung des Menschen vom Menschen: Als Gattungswesen ist nach Marx anthropologischer Grundlegung die Beziehung des Menschen zu einem anderen, Mann und Frau, sowohl das Vermögen der Liebe als Liebesverhältnis als auch die erste Form der Arbeitsteilung in der Reproduktion der Gattung natürlich, wie auch Ausgangspunkt der historisch-kulturellen Entwicklung zum Menschen überhaupt, der sich entfaltet, wenn er nicht mehr ausschließlich für die unmittelbare Subsistenz und Reproduktion arbeitet, sondern darüber hinaus. In den entfremdeten Verhältnissen historisch-spezifischer Gesellschaftsformationen, hier in der kapitalistischen Gesellschaft, schlägt sich aber die historisch entstandene Herrschaft von Menschen über Menschen nieder, die entstand, indem sich Menschen das Mehrprodukt, dass Voraussetzung der Entwicklung des Gattungswesen ist, gewaltsam aneigneten. Dass heißt, diese allgemeine Voraussetzung als Privileg für sich in Anspruch nahmen und die anderen dafür unterdrücken mussten und müssen, sprich arbeiten lassen. Der Unterdrückte bleibt in den animalischen Verhältnissen der tagtäglichen Reproduktion seiner Lebensverhältnisse gefangen und produziert gleichzeitig die menschlichen Umstände für die herrschende Klasse mit. Dieser Gattungswiderspruch bringt empirisch die menschliche Kultur und Zivilisation hervor. Das lässt sich in allen Gemeinwesen beobachten, die über das Subsistenzniveau hinaus produzieren.

Vor diesen empirischen Fakten, sieht Marx’ Anthropologie dann aber wacklig aus, denn sie bezieht sich auf die Natürlichkeit eben vor diesem menschlichen Gattungs-break even, zu der sich kaum etwas sagen lässt, weil sie nur ein theoretisches Konstrukt der Vorzeit ist, die aus der Unmöglichkeit von Herrschaft, wegen des fehlenden Mehrproduktes dazu, hergeleitet ist. Tatsächlich trifft das Bild des Sozialdarwinismus die Empirie besser, der Mensch produziert allgemein, wird aber durch das allgemeine Hauen und Stechen trotzdem nicht Gattungswesen; – ein Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt. Ich behaupte, implizit ist Marx’ Anthropologie immer von der denkbaren Möglichkeit zu dem, was er Gattungswesen nennt, hergeleitet, und je höher das Produktionsniveau, desto möglicher schien es ihm. Aber das könnte ein Irrtum gewesen sein, der ältere Marx begann, daran bereits zu zweifeln. Und in der Kritischen Theorie ist es vollends ausgesprochen: Die Produktion ist zu tief in die sich verselbständigenden Herrschaftsverhältnisse verwickelt, als dass sie für ein neues Produktionsverhältnis in Anspruch genommen werden könnte. “Die Herrschaft tritt dem Einzelnen als das Allgemeine gegenüber, als die Vernunft in der Wirklichkeit.” (DdA, S. 28)

Jedenfalls hat sich die Entfremdung des Menschen vom Menschen aus den Verhältnissen des 19. Jhs. zu heute stark verändert. Lösten die modernen Verhältnisse der Moralischen Ökonomie die unmittelbaren Herrschaftsverhältnisse der Feudalzeit durch mittelbare, über Sachen und Recht vermittelte, ab, so sind heute alle irgendwie Unternehmer der eigenen Arbeitskraft geworden. Die Herrschaft hat sich aufgespreizt zu einer gesellschaftlichen, fast schon subjektlosen, Totalität überhaupt, deren objektive Geltung zur zweiten Natur geworden ist, in der der Gattungswiderspruch negativ aufgehoben ist. Alle arbeiten jetzt für den Verwertungsprozess unter dem Diktat der vom Gattungswesen entfremdeter Arbeit, sind gefangen in der Reproduktion der Arbeitskraft ohne Möglichkeit zur Emanzipation von derselben. Vielmehr ist heute der Arbeitsplatz selbst schon ein Privileg. Möglichst vom Staat angestellt, feste Arbeitszeiten, gut bezahlt und mit hohen Sozialprestige, das sind die Träume der heutigen Studentengeneration nach einer Umfrage. Angesichts anderer Jobs und deren Konditionen in der freien Wirtschaft fast schon verständlich, und niemand hat auch wirklich Vertrauen in die Beständigkeit der jetzigen Konjunktur, aber eben in die des Staates. Das Geheimnis dieses Berufswunsches ist dem allgemeinen Konkurrenzkampf auf dem Markt der Arbeitskraftverkäufer zu entkommen, nicht deren Apologie, der trotz gigantischer Werbefeldzüge doch den eigenen Bedürfnisse widerspricht und deshalb doch nicht so recht geglaubt wird. Wenn entfremde Arbeit, dann doch bitte weniger davon, geregelt, sicher, gut bezahlt – dadurch wird die Illusion der eigenen Verwirklichung in Hobby und Freizeit aufrechterhalten. Das unterstreicht, dass die Emanzipationskategorie der Arbeit und ihre Heuristik nicht bestimmend für die Menschen ist, sondern die Kategorie der Konkurrenz, die allen sozialen Beziehungen vorgelagert ist und diese nach jener zuvörderst bewertet wird. Das reicht von intimen Beziehungen und Freundschaften bis zu den Verhältnissen von Staaten, Völkern, Ethnien etc. zueinander. Aus der ökonomischen Notwendigkeit der Konkurrenz von Kapitalisten untereinander ebenso wie der von Arbeitskräften untereinander ist ein allgemeines Weltbild der “natürlichen” Konkurrenz entstanden, die sich selbst an der Empirie als “geistiges Tierreich” (Hegel) bestätigt. Sie entspricht und erzieht zur animalischen Lebensform der Angepasstheit an eine gegebene (gesellschaftliche) Umwelt, nicht zur deren humanistischen Transzendenz durch attraktive Arbeit.

Der wilde Kapitalismus und seine notwendige Klassengesellschaft, die zur heutigen hierarchisch konkurrierenden Angestelltengesellschaft und von Nepotismus durchzogenen Ansammlung von Rackets sich entwickelt hat, die zusammen für den immerwährenden Wachstumsgott schuftet, ist ein Ergebnis der gesellschaftlichen Naturverhältnisse und der in ihr entfremdeten Arbeit, die jene nach ihren, den Menschen äußeren Gesetzen, unaufhaltsam Richtung offenen Wahnsinn hin transformiert. Und wer behauptet, dass Konkurrenz zu Leistung anspornt hat Recht, aber meistens seine Tücher im Trocknen, sie holt lediglich das Meiste an “dressierter Naturkraft” (Marx, ibid.) aus den Konkurrenzatomen heraus; ebenso wie im Sport, wo Leistung um der Leistung willen zählt, und den Menschen die Spiegelung der eigenen Armseligkeit als Unterhaltung untergejubelt wird, deren Konsum wiederum ihre Existenz bestätigt. Die Konkurrenz holt nicht das Beste aus den Menschen heraus, sondern ihr Schlechtestes. In einem Klima der Angst und des Neids, wird ihre Reflexion durch atemlose Mobilisierung systematisch unterminiert und sie zur autoritären Persönlichkeit erzogen, die nach oben buckelt und nach unten tritt. Die Selbsterhaltung wird zum inhumanen Projekt, deren Zweck, das Selbst, dabei vor die Hunde geht. Im Ergebnis findet Selbsterhaltung ohne Selbst statt. (Adorno GS 8, S. 115)

Zusammenfassend bleibt nur zuzugeben, dass der Skandal der kapitalistischen Gesellschaft keiner mehr ist. Die Verschwendung des Lebens und seiner Potentiale für das Individuum durch die aufgezwungene Existenz als laufender Behälter seiner Arbeitskraft, der nichts als dieselbe zu erhalten im Stande ist, wird nicht als Peinlichkeit empfunden. Und wenn doch, steht einer Alternative die überwältigende Erfahrung der Ausweglosigkeit im Wege, die keineswegs ein Bewusstseinswandel überwinden kann – sie ist real. Verständlich ist, dass vor dem Hintergrund dieser tagtäglich bestätigten Wahrheit, der gesellschaftlich induzierten Existenzangst, der physischen in der Peripherie, der sozialen in den Zentren, lieber ein Leben wie im offenen Vollzug in Kauf genommen wird. Durch diese Erfahrung entspinnt sich ein Kokon der Erstarrung des Lebens, der anstatt irgendwann zu platzen, immer fester wird und das Gattungswesen im Larvenstadium gefangen hält. Aber diese Naturverhältnisse sind jetzt gesellschaftlich produziert. Hier gibt es keinen Kläger, gibt es keine Anklage, kein Urteil und schon gar keines des Skandals. Die Arbeit als Emanzipationskategorie zur Befreiung des Individuums von den Zwängen der Natur hat sich nur dadurch bewahrheitet, als dass sie sich mit den gesellschaftlichen neue erschuf, weil sie sich gleichzeitig von der Natur des Menschen, seinem Gattungswesen, entfremdete. Nach wie vor sind daran die bornierten gesellschaftlichen Verhältnissen schuld – an dieser Erkenntnis mangelt es seit Marx nicht mehr -, aber keine noch so große Anstrengung durch entfremdete Arbeit, ihren technologischen Fortschritt, der Vergrößerung der Warensammlung, kann daran etwas ändern. Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Marx’ emphatischer Arbeitsbegriff, der sich an der entfremdeten Form der Arbeit, wie er es nennt, unter spezifisch-gesellschaftlichen Bedingungen, erahnen, aber nicht von jenen befreien lässt – das muss man leider sagen -, ist nichts als eine interessante Anekdote der Philosophiegeschichte, deren Wirklichkeit immer verstellt war und dessen Erinnerung selbst reif fürs Museum ist. Gleichsam kann sich der Mensch seine Geschichte und ihre Substanz, die Arbeit als Mittel und Zweck zugleich, nicht aneignen und seine Freiheit ohne sie verwirklichen.

Marx war ein Mann des 19. Jh., der mit der bürgerlichen auch noch die vorbürgerliche Bildung aufgenommen hatte, die Verehrung und Würde des Menschen, das Bewusstsein des unter Lebewesen unvergleichlichen Potentials der Freiheit, wie sie von den Philosophen des Adels verkündet wurde, die von entfremdeter Arbeit befreit bereits eine Vorgeschmack der freien Menschheit kosteten, verbunden mit dem Aufbruch der technisch-produktiven Machbarkeitsgewissheit des siegreichen Bürgertums und seiner liberalen wie sozialistischen Utopien erzeugten ein Bildungshorizont, der heute kaum noch verstanden, geschweige denn breiter rezipiert oder popularisiert werden kann. Das 19. Jh. ist längst vorbei und uns ähnlich fremd wie die Bronzezeit. Es ist nur noch als Propaganda zu haben: “Die Würde des Mensch ist unantastbar”, und zwar darum, möchte man hinzufügen, weil sie nicht mehr auffindbar ist. Sie ist in den Wertehorizont der bürgerlichen und besonders der nachbürgerlichen Gesellschaft transformiert und diffundiert und ununterscheidbar einer von vielen Werten geworden, die gegeneinander in Wertedebatten inszenierter Öffentlichkeit antreten und doch der Verwertung nicht entrinnen können.

[1] Dass die Entfremdung die herrschende Klasse nicht tangiert, hat bereits Hegel als Selbstbetrug entlarvt. Schließlich beruht auf der Erkenntnis, dass diese Klasse nur genießt und sich nicht an der Arbeit entäußert und somit sich bildet, Hegels Konstruktion vom Sieg des Knechts über den Herren. Hegels Fehler ist, dass er keinen empirischen Arbeitsbegriff kennt oder ernst nimmt, sondern nur seinen emphatischen, das korrigiert Marx.

[2] Kurz zum Gattungsbegriff: Es handelt sich um einen Begriff, den Marx in seinen Frühschriften synonym zu Gemeinwesen oder Gesellschaft verwendet und zugunsten letzterer später fallen lässt. Er stammt von Feuerbach und bezieht sich auf das Vermögen der Gattung Mensch zur Liebe, auf sowohl die natürliche als auch die humanistisch-kulturelle Seite in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Ebenso wie der Mensch der Natur bedarf, ist ihm der andere Mensch Bedürfnis, betrifft also das Verhältnis Mensch zu Mensch (auch im Verhältnis zur Natur als erste Form der Arbeitsteilung). Die Liebe ist dabei Gattungstätigkeit des Menschen. Wenn Marx den Begriff Gesellschaft nutzt, ist das auch mitgedacht. Es gilt: Je mehr Mensch man ist, desto gesellschaftlicher ist man, oder moderner: Individualität setzt Gesellschaft erst voraus, der Mensch ist so gesellschaftlich, dass er sie braucht, um sich zu vereinzeln, sich zu individuieren.

[3] Schon bei den Frühsozialisten, wie Charles Fourier, kam dann der Einwand auf, dass man dann doch nicht mehr von Arbeit sprechen sollte, sondern von Spiel. Da es ja geradezu dessen Definition sei, nach selbst gesetzten Regeln zu funktionieren, nicht nach aufgezwungenen. Marx entgegnete, dass der Gegensatz von Arbeit und Spiel selbst schon aus der Erfahrung der entfremdeten Arbeit als äußeren Zwang herrührt, bei der die Nicht-Arbeit, das Ausruhen und die Zerstreuung in den Erholungsphasen, als Glück und Freiheit erscheint. Dabei sei auch freie selbstverwirklichende Arbeit, wie bspw. Komponieren, zugleich auch intensivste Anstrengung, nicht nur Freude und Spaß. (Grundrisse, S. 512)

 

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Tags: Arbeit, Kapitalismus, Skandal

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