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Der Blick aus dem Grab 1/3

Früher galt: “...das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz.” (Hobbes) Dann kam die Demokratie und die Marktwirtschaft, und dann hieß es: “Willkommen im Leben" (Eurocard), “Entdecke das Leben” (Vittel) und “Leben wir los" (Aktion Mensch) oder sogar “Das Leben lieben” (Bertolli),  “Hier spielt das Leben” (Cinemaxx) oder ganz einfach auf den Punkt gebracht: “Wir leben Marken” (BCN) oder “Prima leben und sparen” (Plus). Die Beschwörung des Lebens in der Reklame ist von der des Regens durch die Eingeborenen mittels eines Regentanzes gar nicht so verschieden. Denn eines haben sich auf jeden Fall gemeinsam: beschworen wird nur etwas, das fehlt, und wie der Regentanz soll der Kauf von Markenartikel etwas bewirken, was er nicht zu leisten im Stande ist. Es handelt sich hier wie dort um Aberglauben, der Unterschied ist, der eine ist überwunden, dafür gibt es den Wetterdienst, der andere ist mittlerweile zur unumstößlichen Wahrheit geworden. Wer konsumiert, der lebt und hat die Erlaubnis zum Überleben an jedem Monatsende als Überweisung auf dem Konto. Die Glücklichen sind heute die Verkäufer ihrer Arbeitskraft in den Zentren der kapitalistischen Gesellschaft. Dieses Glück hat sie zu atomisierten Autisten gemacht, zu reflexions- und substanzlosen Narzisten, die ihr demütig ertragenes Leben auf Instagram mit Photoshop aufpoliert ihren Konkurrenten präsentieren. Wer nicht ganz mitkommt, kann es immerhin mit Tai Ginseng probieren, denn: “Kraft zum Leben gibt Tai Gingseng.”

Das menschliche Leben ist heute unendlich langweilig und klinisch rein, eintönig und friedlich, armselig aber auskömmlich geworden, kurzum: das falsche Leben ist mittlerweile der demütig ertragenen Totenstarre des gesicherten Überlebens gewichen. "Wer sich tot stellt, bleibt länger leben. Wer seinen Kopf nicht gebraucht, der darf ihn behalten. Wer kein menschenwürdiges Leben führt, kriegt danach Pension." (1981, S. 120) schrieb Pohrt vor 40 Jahren, um darauf zu insistieren, dass das Elend der kapitalistischen Gesellschaft sich vor allem durch die verschiedenen Gesichter und Grade des Elends auf der Welt unterscheidet und auch die Gewinner Verlierer sind.

Der Blick aus dem Grab ist deswegen heute der vielversprechendste Standpunkt, um Erfolg zu haben, weil er dem internalisierten Blick der konzentrierten Macht der verwalteten Welt auf „Gottes Ebenbild“ entspricht, nämlich als „Bedürfnisbündel“, dem alle Lebenstriebe aberzogen und Ansprüche ausgetrieben wurden, als "ausgehaltenen Schmarotzer" im "komfortablen Seniorenparadies", welcher geduldet ist, solange er sich einfügt. Pohrt folgt damit Balzac, dem „Geheimagenten der Unzufriedenheit“, dem er nicht nur ein ganzes Buch widmete, sondern dessen Diagnose der bürgerlichen Welt er für die nachbürgerliche aufnahm und aktualisierte. "Seit alle Hoffnungen der Schulkinder schon auf den von der Rente gesicherten Lebensabend zielen“, schrieb Pohrt, “seitdem hat sich der Geist der Utopie ins Hausgespenst des Altersheims verwandelt. [...] Die Sicherheit und Ruhe, nach der sich die modernen Menschen sehnen, ist die letzte Vorstufe zur Grabesruhe."

Nach Pohrts Diagnose der "Theorie des Gebrauchswertes", dass der Kapitalismus nicht nur die allgemeinen Voraussetzungen der Emanzipation von Natur und Herrschaft schuf, sondern nach verpasster Revolution auch deren Verewigung hervorbrachte, thematisierte er die Beschreibung der Phänomene der Wandlung des falschen Lebens in die Totenstarre desselben. Aufs Korn nahm er dabei insbesondere die unter der Flagge der Emanzipation auftauchenden Bewegungen, die neue und alte Wahnideologien, die zwangsläufig den Vorstellungen der Menschen über der aktuellen Gesellschaftsformation entsprangen, vom Rand in die Mitte der Gesellschaft transportierten, wo sie einst auch herkamen. Amüsant beschreibt Pohrt die zunehmende Akzeptanz irrationaler Wahnvorstellungen durch gesellschaftlichen Institutionen, die die Welt der Ausbeutung und des verselbständigten Produktionsparadigmas in ein bandenmäßig organisiertes Irrenhaus gegenseitiger persönlicher Abhängigkeiten verwandelt, in dem die Menschen in Zeiten zunehmender Automatisierung zunehmend zu ausgehaltenen Schmarotzern werden, zu schwachen Befehlsempfänger, die der Gnade des Apparates ausgeliefert sind und deren moralischer Aktionismus, an den Hospitalismus eingesperrter und depravierter Tiere erinnert.

Im Wechselspiel von Totenstarre und verblödeten Aktivismus, bspw. der Friedensbewegung oder der Umweltaktivisten, die bis zum offenen Wahn ihre Blüten trieb und immer noch treibt, ist jede Entwicklung zum Stillstand gekommen, zur erstarrten Unruhe (W. Benjamin) geworden, von der nur das Freudsche Modell des Todestriebes Abhilfe verspricht. Auschwitz war bereits der eigentliche Kulminationspunkt, in der die gesellschaftlichen Todesstarre in den Massenmord umschlug, und damit die Endlösung der sozialen Frage brachte, nach Pohrt war dies kein Bruch der Zivilisation, sondern deren Essenz, das Weiterleben der Zivilisation in der Barbarei, das ultimativ rationale Versuchslabor der Zukunft, welches ermittelt, was man den Individuen noch antun kann.

“Das Leben funktioniert nicht ohne großes Vergessen” – Zum Tod von Wolfgang Pohrt

Am 21.12.2018 ist Wolfgang Pohrt gestorben. Ein Autor, der in den letzten Jahren fast vergessen war, was die wenigen oder lieblosen Nachrufe in den überregionalen Zeitungen leider hinreichend bewiesen. Es ist, als sei mit seinem Tode auch der letzte Gedanke aus der Öffentlichkeit verschwunden, dass es anders sein könnte. Denn selbst der Gedanke, der nur konstatieren kann, dass keine Revolution stattfinden wird, dass die Verhältnisse bleiben, wie sie sind – vorgeschichtlich -, dass der Bann der Gesellschaft nicht gebrochen werden kann, entsprang bei Pohrt immer der verblassten Hoffnung an ein Leben, das gelebt werden könnte und sich an Adornos Diktum, “sich von der eigenen Ohnmacht, nicht [auch noch] dumm machen zu lassen” klammert. Statt Revolutionär musste er ein homme de lettre werden, wie Marx und Co. vor ihm.